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William Gordon

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Der aus den USA stammende Musikpädagoge William Gordon hat das musikalische Leben im Kreis Ahrweiler über Jahrzehnte maßgeblich geprägt.


Vorstellung eines neuen Kreismusikschul-Logos im November 2001.
Landrat Dr. Jürgen Pföhler (M.) mit Harald Reinhard (l.), dem damaligen Schulleiter, und dessen Stellvertreter Dr. William Gordon inmitten einer Ausstellung anlässlich des 30-jährigen Bestehen der Kreismusikschule im Kreishaus-Foyer.

Vita

Das erste, was er machte, nachdem er im Sommer 1973 aus den USA nach Deutschland übergesiedelt war: William Gordon überraschte seine Schüler mit seinen Handkanten. Nicht, dass er damit wie ein Karate-Kämpfer hätte Ziegel spalten oder Bretterstapel durchschlagen können, weckte das Interesse der Untertertianer in der Schule am Sinziger Schießberg. Vielmehr wollten die Pennäler wissen, warum Gordons Handkanten Narben trugen. Die stammten von einer Operation im Kleinkindalter, erklärte der junge Musiklehrer seinen staunenden Zuhörern; er sei mit zwölf Fingern zur Welt gekommen - sechsen an jeder Hand. Und seine Eltern hätten ihm die beiden äußeren amputieren lassen. Eine heftige Diskussion unter den Schülern schloss sich an - über die Frage, ob es für einen Musiker nicht ungemein günstig wäre, sechs Finger an jeder Hand zu haben. Insbesondere dann, wenn er Tasteninstrumente spielt.

William Gordon, der bis dahin als Lehrer in den USA gearbeitet hatte, hatte sich kurz zuvor für ein halbes Sabbat-Jahr vom Schuldienst freistellen lassen. Er wollte eine musikalische Europareise antreten, von der er, wie sich bald ergeben sollte, nicht wieder in die Staaten zurück kehrte. Denn Gordon bekam im Juli 1973 eine Anstellung als Musiklehrer am Rhein-Gymnasium Sinzig (RhyGy) und gründete wenig später, zusammen mit dem damaligen RhyGy-Schulleiter Heinz Otto Fausten, eine Schul-Big-Band, sich rasch als beste Schulband des Landes Rheinland-Pfalz qualifizieren konnte und die für das junge Rhein-Gymnasium binnen kurzer Zeit eine enorme Image-Wirkung entfaltete.

William Gordon gehört aber auch zu den Männern der ersten Stunde der 1974 mit viel Optimismus gegründeten und jetzt ganz akut von Schließung bedrohten Kreismusikschule Ahrweiler. Er unterrichtete dort - zunächst neben-, ab 1979 hauptberuflich - Trompete, Saxophon, Querflöte und Horn, Tenorhorn, Posaune, Harmonielehre und Gehörbildung.

Während dieser Zeit wohnte Gordon zunächst in Gimmigen, zog dann nach Heppingen um, bevor er in die Schillerstraße nach Bad Bodendorf kam. Obwohl er nur für ganz kurze Zeit in Gimmigen wohnte, wäre Gordon möglicherweise nie nach Deutschland gekommen, wenn es diesen Ort nicht gegeben hätte. Ein Highschool-Freund, der bei seiner Großmutter in Gordons Heimatstadt Southampton/Long Island im amerikanischen Bundesstaat New York wohnte und mit dem Gordon in den Staaten studierte hatte, stammte nämlich aus Gimmigen. Und bevor Gordon nach Deutschland zog, war er bereits zwei Mal mit diesem Freund in Gimmigen zu Besuch.

In dieser Zeit lernte er die deutschen Verhältnisse zu schätzen. Die musikalische Ausbildung an den Schulen war in den USA zwar viel breiter gefächert und viel intensiver als hier. Aber er war beeindruckt von der öffentlichen Kulturförderung und von dem für Deutschland typischen Vereinswesen, das er aus den Staaten nicht kannte. Gordon staunte, weil es in jedem größeren deutschen Ort mindestens einen Chor, eine Blaskapelle oder ein Tambourkorps gab. In den USA hingegen gab es kaum Möglichkeiten, gemeinsam zu musizieren. Und auch die Möglichkeiten, Live-Musik zu machen und zu hören, waren und sind dort sehr eingeschränkt. Da lagen, wir Gordon rasch erkannte, die Ursachen dafür, dass in Deutschland viel mehr Menschen musizieren als in Amerika.

Ebenso rasch wurde ihm klar, dass Amerikaner ein völlig anderes Verhältnis zu Musik, Kunst und Kultur haben als die Deutschen. Anders als in Deutschland war das kulturelle Leben in den Staaten ganz den Gesetzen der Wirtschaftlichkeit unterworfen. Jede Veranstaltung musste dort ihre Kosten einspielen. Folge: Die Eintrittspreise für Oper, Konzert und Theater waren – und sind das bis heute - für Normalverdiener unerschwinglich. "Schade, dass in Deutschland auch in dieser Hinsicht immer mehr amerikanische Verhältnisse einkehren", bedauerte Gordon einmal.

William Gordon war am 22. August 1944 in Southampton geboren worden. An der "State University of New York at Potsdam" legte er 1966 das Bachelor-Examen der Naturwissenschaften im Fach Musik-Pädagogik ab. An der Columbia-University New York erwarb er anschließend das Zertifikat für die Schulverwaltung, und 1970 qualifizierte er sich an der Long Island University für den Magistergrad der Naturwissenschaften. Doktortitel für Philosophie erwarb er 1972 an der New-York-University und an der Columbia-University.

Gordon hatte Unterricht in moderner Musik unter anderem bei dem aus der Nähe von Köln stammenden Karlheinz Stockhausen, der zu den bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts zählt und der einige Zeit an der State-University at Potsdam unterrichtete. In dieser Zeit wirkte Gordon an der Welturaufführung von Stockhausens Komposition "Momente" an der Buffalo-Universität mit. Bei Prof. Gordon Mathie lernte William Gordon Tuba und Posaune, Violine bei Prof. Maurice Baritaud. Bei Prof. Brock McElerehan belegte er das Fach Dirigieren; bei Prof. Stanley Bertram lernte er Klarinette und bei Prof. Betty Baritaud Klavier Spielen. Orchester-Erfahrungen erwarb sich Gordon bei der Long Island Symphony, beim Crane Symphony Orchestra und bei der Suffolk Symphonic Band.

In den Jahren 1966 bis 1969 unterrichtete Gordon an mehreren amerikanischen Schulen, erwarb praktische Erfahrungen als Instrumentallehrer sowie als Dirigent eines Schulorchesters. Von 1969 bis 1972 war er dann Direktor der musikalischen Abteilung eines Schulbezirks.

Am Rhein-Gymnasium bekam Gordon 1973 zunächst nur eine halbe Planstelle. Schon bald tat sich ihm aber die Chance auf eine ganze Stelle auf. Und RhyGy-Schulleiter Fausten versuchte nach Kräften, den jungen Musiklehrer aus den Staaten am Rhein-Gymnasium zu halten; weil Gordon jedoch kein deutsches Abschlusszeugnis hatte, durfte er hier nicht in Oberstufen-Klassen unterrichten. Deshalb entschied sich Gordon gegen das Gymnasium und für eine Vollzeitstelle an der Kreismusikschule. Die von ihm gegründete RheGy-Big-Band leitete er allerdings weiter. Auch an der Kreismusikschule gründete Gordon eine Combo, die, häufig zusammen mit der RheGy-Band, unzählige Konzerte auch über die Kreisgrenzen hinaus gab.

Ab 1978 leitete Gordon die Sinziger Zweigstelle der Kreismusikschule, deren stellvertretender Leiter er im Jahr 2000 wurde. Gesundheitsprobleme zwangen ihn vor zwei Jahren, leisere Töne anzuschlagen: Gordon zog sich aus dem Lehrerdienst zurück und agierte in der Geschäftsstelle der Kreismusikschule, organisierte Veranstaltungen, stellte Stundenpläne zusammen und arbeitete als Instrumenten- und Notenwart. Vor wenigen Tagen nun, zum 1. Dezember 2005, ging er offiziell in den Ruhestand. Bereits ab Februar feierte er jedoch Überstunden ab und war deshalb nur noch sporadisch für die Kreismusikschule im Einsatz.

Bis zum Frühjahr 2006 dirigiert Gordon die Musikvereinigung Bad Neuenahr-Ahrweiler 1910 e.V., deren Leitung er 1974 nommen hatte und die er zu einem Spitzenorchester formte. Nach seinem Ausscheiden wurde er zum Ehrenmitglied und Ehrendirigenten ernannt. Das Repertoire der Musikvereinigung, das früher ausschließlich aus klassischer Blasmusik, aus Walzern und Polkas bestand, hat Gordon enorm erweitert – unter anderem um moderne Konzertarrangements klassischer Stücke und um Musical-Melodien. Damit gelang es ihm immer wieder junge Musiker in das heute 40 Mitglieder zählende Blasorchester zu holen. Außer allwöchentlichen Proben und einem zweitägigen Intensivwochenende in der Jugendherberge Daun bestreitet er mit dem Orchester Jahr für Jahr bis zu 30 Auftritte– mindestens zwei im Monat, davon mindestens ein Kurkonzert im Bad Neuenahrer Kurpark.

So hat Gordon in den vergangenen 30 Jahren in der Musikvereinigung, am Rhein-Gymnasium und in der Kreismusischule an der musikalischen Prägung mehrere Schüler-Generationen maßgeblich mitgewirkt. Zu seinen talentiertesten und erfolgreichsten Schülern gehört dabei Bodendorfer Klaus Badelt: Der inzwischen 38-Jährige lebt heute in Kalifornien und gehört zu den gefragtesten Filmmusik-Komponisten. Der aus Heimersheim stammende Markus Stenz, heute Generalmusikdirektor der Stadt Köln, war ebenfalls Schüler von William Gordon. Mehrere Mitglieder der inzwischen aufgelösten Bands „Bananasplit“, „blu:“, der Coverband „Pardy“ und der Sinziger Turmbläser musizierten in jungen Jahren unter Gordons Leitung in der Big Band des Rhein-Gymnasiums. Und „Menino“-Bandleader Stephan Maria Glöckner und der in Ahrweiler lebende Schlagzeuger Guido Kehr spielten in der Kreismusikschul-Combo.

Dass er selbst einst zur Musik fand, war für Gordon „ein ganz großer Glücksfall“, wie er der ‚Dorfschelle‘ verriet: Im fünften Schuljahr bekam er die Möglichkeit, an der Schule kostenlos Instrumentalunterricht zu erhalten; seinen Eltern aber fehlte das Geld, um dem Jungen ein Instrument zu kaufen. Aus dem Unterricht wäre deshalb nichts geworden, wenn einem aufmerksamen Lehrer nicht William Gordons musikalisches Talent aufgefallen wäre: Er telefonierte mit Gordons Mutter und vermittelte der Familie William Gordons erstes Musikinstrument, eine 30-Dollar-Trompete.

Obwohl er fast sein gesamtes Berufsleben in Deutschland verbracht hat, ist Gordon kein deutscher Staatsangehöriger. Aber das will er bald ändern. Denn eine Rückkehr in die USA kommt für Gordon nicht in Fage. Dort leben zwar seine Schwester, eine Sängerin, und sein zwei Jahre jüngerer Bruder, Ex-Mitglied der Big Band der US-Navy, außerdem Vettern und Cousinen in großer Zahl – William Gordons Vater hatte zwölf Geschwister. Aber die Kontakte zu den Verwandten sind weitgehend eingeschlafen. Und außer dem Atlantik - Gordon hat von Kindheit an bis er nach Deutschland kam immer in Meeresnähe gewohnt - vermisst er in Deutschland nichts. „Besonders sportlich war ich zwar nie“, gesteht er, aber er ist immer gern im Meer geschwommen und gesurft.

Angst, nach seiner Verrentung in ein Loch zu fallen, hat Gordon nicht. Proben, Unterricht und Konzerte haben ihm bislang keine Zeit zum Lesen gelassen. Das soll sich jetzt ändern. Und endlich hat er Zeit, klassische Kompositionen für Blasorchester umzuschreiben und an einen amerikanischen Musikverlag zu verkaufen.

siehe auch

Gordons Big Band

Weblink

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