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Kreissparkasse Ahrweiler

Lager „Rebstock“

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Luftaufnahme vom Lagerteil Marienthal
Luftaufnahme vom Lagerteil Dernau
Ausschnitt aus einem Dokument, dass den Tod des Italieners Emilio Bianchi belegt
Titelseite der Broschüre von Wolfgang Gückelhorn: Das Lager Rebstock 1943/44 – Rüstungsbetrieb und KZ im Ahrtal, Reihe Blätter zum Land, Band 70, 20 Seiten, hrsg. Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz, 2016
Lagerteil Marienthal
Lagerteil Dernau
Matthias Bertram veröffentlichte 2018 ein Buch zu dem Lager.

Das Lager „Rebstock“, eines von insgesamt 139 Außenlagern des Konzentrationslagers Buchenwald bei Weimar, war ein bombensicherer geheimer Rüstungsbetrieb, der 1943 in fünf Eisenbahn-Tunneln im Ahrtal eingerichtet wurde und in dem Bodenanlagen für die „Vergeltungswaffe“ V2 montiert wurden. Neben zivilen und militärischen Arbeitskräften sind dort bis zur Auflösung des Lagers im Dezember 1944 insgesamt 1500 Menschen aus acht Nationen zur Arbeit gezwungen worden.


Einleitendes

Die Westalliierten bombardierten im Kriegsjahr 1943 zunehmend deutsche Rüstungsfabriken. Das Rüstungsministerium in Berlin beschloss deshalb, die Betriebe für die neuen Vergeltungswaffen V1 und V2 bombensicher untertage zu verlegen. Im Ahrtal gab es fünf Eisenbahn-Tunnel, die sich für diesen Zweck eigneten. Aus militärischen Gründen war nämlich in den Jahren 1916 bis 1918, während des Ersten Weltkriegs, eine Eisenbahnstrecke zwischen Liblar bei Köln und Rech an der Ahr geplant und auch weitgehend fertig gestellt worden. Für diese Strecke wurden zwischen Ahrweiler und Rech auf wenigen Kilometern Streckenlänge fünf Eisenbahntunnel für eine zweigleisige Streckenführung gebaut. Die Eisenbahnstrecke und die Tunnel sind aber nie für den Eisenbahnverkehr genutzt wurden. Um von Importen aus Frankreich unabhängig zu sein, waren in den Jahren von 1936 bis 1943 in den Eisenbahntunneln vielmehr Champignons angebaut worden. Ab Frühsommer 1943 wurden die Tunnels dann zum Lager „Rebstock“ umfunktioniert. In diesem bombensicheren Untertage-Rüstungsbetrieb ging es um zwei Projekte:

  1. Die Rüstungsfirma J. Gollnow & Sohn aus Stettin ließ dort ab Oktober 1943 Bodenanlagen für den Abschuss der taktischen Flüssigkeitsrakete V2 montieren.
  2. Im Rahmen der Maßnahme „Stephan“ sollte das Volkswagenwerk als Generalunternehmer ab September 1944 die V1 produzieren. Dieses Projekt wurde allerdings nicht, wie zunächst geplant, an der Ahr realisiert, sondern ins Lager „Mittelbau-Dora“ bei Nordhausen im heutigen Bundesland Thüringen verlagert.

Das für den Ausbau der Tunnels zuständige Rüstungskommando Koblenz beauftragte Handwerksfirmen aus dem Ahrtal damit, die Tunnel für die geplante Produktionsstätte frei zu räumen, elektrisches Licht sowie Stromleitungen zu legen und einen Tunnelboden zu betonieren. Ab Herbst 1943 wurden bei diesem Ausbau auch Zwangsarbeiter eingesetzt. Neben zivilen und militärischen Arbeitskräften sind in dem unterirdischen Rüstungsbetrieb bis zu seiner Auflösung im Dezember 1944 insgesamt 1500 Menschen aus acht Nationen zur Arbeit gezwungen worden. Um die Häftlinge unterzubringen, wurden nördlich des Bahndamms, der Kuxberg- und Trotzenbergtunnel miteinander verband, elf Baracken gebaut. Ein weiterer Lagerbereich bestand aus drei großen Baracken, die auf dem Bahndamm zwischen dem Sonderbergtunnel oberhalb von Dernau und dem Herrenbergtunnel bei Rech aufgestellt wurden. Die Baracken waren mit Stacheldraht umzäunt und mit Wachtürmen versehen. KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter aus den beiden von der SS streng bewachten Barackenlagern mussten unter mangelhafter Unterbringung, unzureichender Ernährung, fehlender Hygiene und Schikanen der SS-Wachen und krimineller Kapos leiden. Das zivile und militärische Personal hingegen wurde in einer Landwirtschaftsschule in der Nähe sowie in Hotels, Pensionen und Gebäuden von Winzergenossenschaften untergebracht, die auch als Verwaltungsräume genutzt wurden.

Lager „Rebstock“

Das Lager „Rebstock“ war eines von insgesamt 139 Außenlagern des Konzentrationslagers Buchenwald bei Weimar. Im KZ Buchenwald und seinen Außenlagern wurden insgesamt fast 280.000 Menschen gefangen gehalten, wobei in den Außenlagern hauptsächlich Flugzeuge, Raketen und Munition produziert worden sind. Ab Frühsommer 1943 arbeiteten etwa 500 Handwerker ziviler Firmen aus dem Ahrtal auf der Baustelle in Marienthal – darunter ein Konsortium der Elektrofirmen Pohl, Wester, Lohmer und Zirfas sowie die Baufirma Fix aus Dernau. Das Arbeitsamt Ahrweiler unterstützte das Projekt, indem es zivile Hilfskräfte und Kriegsinvaliden aus der Region für die Arbeit im Lager dienstverpflichtete. Ab Herbst 1943 kamen 120 SS-Frontarbeiter aus den Niederlanden und 500 italienische Militärinternierte hinzu, die bei den folgenden Arbeiten helfen mussten:

  • Betonieren eines tragfähigen Bodens in die Tunnelröhren,
  • Mauern von Werkstatträumen und
  • Bau der Lagergebäude in Marienthal.

Nachdem Tunnel und Baracken fertig waren, stellte die Firma Gollnow & Sohn ab Oktober 1943 im Lager „Rebstock“ V2-Bodenanlagen fertig. Dazu lieferten Opel, Steyr, Kraus-Maffei und Meiller halbfertige Fahrzeuge, die in dem Untertage-Betrieb im Ahrtal mit dort hergestellten Teilen komplettiert wurden. Bis Sommer 1944 befand sich die V2 jedoch noch in der Versuchsphase. Auch an den Bodenanlagen wurden deshalb immer wieder Änderungen vorgenommen. Deshalb waren über Wochen Soldaten der V2-Schießeinheiten im Lager „Rebstock“. Aus Gründen der Geheimhaltung trugen sie meistens Zivilkleidung. Nach erfolgreichen Schießversuchen im Sommer 1944 wurde für August der Fronteinsatz der V2 befohlen. Acht Batterien sollten mit Gerät für je drei Schießzüge ausgestattet werden. Dazu musste das Lager „Rebstock“ die volle Produktion aufnehmen. Dazu forderte die Firma Gollnow & Sohn bei der SS mehrere Hundert KZ-Häftlinge an.

Nach alliierten Bombentreffern am 11. November 1944 auf das Barackenlager Marienthal verlegte die SS die Schlafplätze der Häftlinge aus den Baracken in den Trotzenbergtunnel. Dadurch verschlechterten sich die Lebensbedingungen für die etwa 200 Häftlinge weiter und die Krankenrate stieg. Bei den immer häufiger werdenden Fliegerangriffen suchten nun auch die Einwohner von Dernau und Marienthal im Tunnel Schutz. So wurden sie Augenzeugen des Schicksals der Häftlinge und der Schikanen und Gewalttaten des SS-Wachpersonals.

Anfang Dezember 1944 wurde der Betrieb von Marienthal ins Lager „Rebstock-neu“, auch „Außenkommando Adorf“ genannt, in die Kleinstadt Artern in Nordthüringen verlegt: Am 1. Dezember sind 100 und am 13. Dezember die letzten 99 Häftlinge aus dem Ahrtal dorthin verlegt worden.

Maßnahme „Stephan“

Unabhängig von der Montage der V2-Bodenanlagen forderte das Volkswagenwerk als Generalunternehmer für die V1-Produktion im März 1944 beim Rüstungsamt der Wehrmacht Untertageflächen für die Endmontage der V1 an. Das Rüstungskommando Lüneburg teilte dem Volkswagenwerk daraufhin im März 1944 die Erzgrube Tiercelet in Nordlothringen zu. Die Organisation Todt beginnt mit mehreren tausend Mann mit den Einrichtungsarbeiten. Ab dem 21. Juni 1944 wurde diese Grube von 500 weiteren Häftlingen aus dem Konzentrationslager Auschwitz, die dem KZ Natzweiler organisatorisch zugeteilt worden waren. Bei diesen Häftlingen handelte es sich um ungarische Juden, die zuvor im KZ Auschwitz als Arbeitssklaven ausgesucht worden waren. Eine zweite Gruppe aus 300 ungarischen Juden war im Hauptwerk Fallersleben in der V1-Produktion angelernt worden. Am 6. Juli 1944 wurde auch sie nach Tiercelet verlegt. Die Häftlinge aus Fallersleben sollten in Tiercelet als Stammbelegschaft dienen und die 500 übrigen Häftlinge anlernen.

Ende August 1944, kurz vor der geplanten Produktionsaufnahme in der 230.000 Quadratmeter großen Anlage, war die US-Armee bereits so nah herangerückt, dass die fast betriebsbereite Anlage in Tiercelet (Deckname „Erz“) verlassen wurde. Die meisten Maschinen mussten dabei zurückbleiben. Das Personal konnte nur mit Mühe evakuiert werden. Die Montage der V1 sollte zusätzlich mit 1000 Stück monatlich auch ins Lager „Rebstock“ verlegt werden. Denn bereits ab Juni 1944 war Rudolph Stephan, ein Experte des VW-Werkes, für diese Verlagerungen zuständig. Nach ihm wurde dieses Projekt in Dernau Maßnahme „Stephan“ genannt. Dafür sind ihm im Ahrtal vier Tunnel für die V1-Endmontage zugewiesen worden:

Überraschend wurden die 300 ungarischen Juden aus Tiercelet, allesamt Facharbeiter, am 2. September 1944 nach Dernau transportiert und dort in den Baracken auf dem Bahndamm oberhalb des Ortes untergebracht. Die Männer verrichteten im Lager „Rebstock“ nur Hilfsarbeiten und wurden von den SS-Wachen besonders drangsaliert. Weil die Firma Gollnow & Sohn zu dieser Zeit aber bei voller Produktion nicht nur den ihr zugebilligten Kuxbergtunnel, sondern auch die vier übrigen Tunnel nutzte, war die geplante Verlagerung der V1-Produktion ins Ahrtal nicht möglich. So fiel die Entscheidung, im Lager „Rebstock“ weiterhin nur V2-Bodenanlagen zu montieren und die V1-Produktion ab Oktober 1944 unter SS-Regie im „Mittelbau-Dora“ nördlich von Nordhausen im heutigen Bundesland Thüringen zu konzentrieren. Die 300er-Gruppe wurde deshalb am 22. September 1944 von Dernau ins Konzentrationslager Mittelbau-Dora verlegt. Die SS-Frontarbeiter, die italienischen Militärinternierten und die Amersfoort-Häftlinge, die beim Tunnelausbau gearbeitet hatten, wurden ebenfalls zu anderen Einsatzorten verlegt. Im Lager „Rebstock“ sind deshalb ab Ende September 1944 nur noch Buchenwald-Häftlinge eingesetzt worden. Ihr Einsatz dort dauerte noch bis zum 13. Dezember 1944.

Häftlingsgruppen

Insgesamt 1500 Menschen aus acht Nationen – Holland, Italien, Polen, Frankreich, Russland, Ungarn, Tschechien und Deutschland – mussten im Lager „Rebstock“ und im Rahmen der Maßnahme „Stephan“ Zwangsarbeit leisten:

„SS-Frontarbeiter“ aus den Niederlanden

Beim Ausbau der fünf Tunnel wurden vom Oktober 1943 bis zum Frühjahr 1944 120 sogenannte „SS-Frontarbeiter“ eingesetzt. Bei dieser Häftlingsgruppe handelte es sich um niederländische „Arbeitsverweigerer“, die vor die Wahl gestellt worden waren, „freiwilligen Arbeitsdienst“ zu leisten oder in ein Konzentrationslager eingewiesen zu werden. Am 30. September 1943 arbeiteten insgesamt 255.142 niederländische „SS-Frontarbeiter“ in der deutschen Kriegswirtschaft. Ähnlich wie die KZ-Häftlinge, war ein großer Teil von ihnen der SS unterstellt. Die Arbeitsbedingungen für die SS-Frontarbeiter waren ähnlich schlecht wie die der KZ-Häftlinge.

Italienische „Militärinternierte“

Neben den 120 „SS-Frontarbeitern“ aus den Niederlanden wurden beim Ausbau der fünf Tunnel im Ahrtal zwischen Oktober 1943 und Herbst 1944 500 sogenannte „Militärinternierte“ (IMIs) aus Italien eingesetzt. Bei dieser Häftlingsgruppe handelte es sich um gefangene Soldaten der italienischen Armee. Nachdem Italien im September 1943 aus der sogenannten „Achse“ mit NS-Deutschland und Japan ausgeschieden und auf die Seite der Alliierten gewechselt war, hatte die deutsche Wehrmacht nämlich in Italien etwa 600.000 italienische Soldaten entwaffnet. Von der Mehrheit der Wehrmachtssoldaten und von der deutschen Bevölkerung wurden sie als „Verräter“ angesehen. Auf Befehl Hitlers ist diesen Italienern der Kriegsgefangenen-Status versagt worden, und fast alle sind ins Deutsche Reich deportiert worden. Dort wurden sie ebenso wie KZ-Häftlinge als Arbeitssklaven ausgebeutet und unmenschlich behandelt. Am 1. Februar 1944 gab es insgesamt 594.709 IMIs im Deutschen Reich, die in Verantwortung des deutschen Oberkommandos Zwangsarbeit leisten mussten. Etwa 45.000 von ihnen kamen in deutschen Lagern um. Die italienischen Militärinternierten, die als Hilfsarbeiter beim Tunnelausbau im Lager „Rebstock“ eingesetzt wurden, waren zunächst im Barackenlager des Luftwaffenübungsplatzes Ahrbrück untergebracht. Von dort sind sie täglich mit der Reichsbahn nach Dernau transportiert worden. Auch für die Maßnahme „Stephan“ wurden im Sommer 1944 in Ahrbrück 500 Unterbringungsplätze für IMIs angefordert. Ab Ende September 1944 verliert sich die Spur dieser Militärinternierten. Zivile Zeugen aus Dernau berichteten später vom erbärmlichen Zustand dieser Menschen. Lediglich das Schicksal eines einzigen IMI, des am 26. November 1913 geborenen Emilio de Bianchi, ist dokumentiert: Aus dem Gräberverzeichnis der Pfarrei Kesseling geht hervor, dass er am 17. Januar 1944 in Ahrbrück verstorben ist.

Zwangsarbeiter aus Holland

Ab März 1943 nutzte die Polizei das „erweiterte Polizeigefängnis“ Kamp Amersfoort, 20 Kilometer östlich von Utrecht gelegen, um junge Männer einzusperren, die wegen „Arbeitsverweigerung“ in den Niederlanden zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt werden sollten. Insgesamt 26.705 Verhaftete wurden in dem Camp interniert, von denen 13.243 zur Zwangsarbeit und 3152 in Konzentrationslager nach Deutschland deportiert worden sind. Am 4. August 1944 kam ein erster Transport von 168 holländischen Zwangsarbeitern aus dem Durchgangslager Amersfoort an der Ahr an. Sie wurden zunächst im Barackenlager des Luftwaffenübungsplatzes Ahrbrück untergebracht, von wo sie täglich mit der Reichsbahn nach Dernau transportiert wurden. Am 18. August 1944 folgte ein zweiter Transport mit 199 Häftlingen aus Amersfoort nach Brück. Sie wurden u.a. dazu eingesetzt, drei große Baracken auf dem Bahndamm zwischen Dernau und Rech sowie eine Feldbahn vom Herrenberg- bis zum Trotzenbergtunnel zu bauen. Von den 367 holländischen Zwangsarbeitern, die ab Ende September andernorts eingesetzt wurden, kehrten 17 nicht mehr lebend in ihre Heimat zurück.

Häftlinge aus dem Konzentrationslager Buchenwald

Die Firma Gollnow & Sohn setzte vom 21. August 1944 bis 13. Dezember 1944 in Marienthal 213 Häftlinge aus dem Konzentrationslager Buchenwald als Produktionshelfer ein. Ab 21. August 1944 trafen 30 Häftlinge aus Buchenwald als Vorkommando auf dem Schienenweg an der Ahr ein. Der zweite Transport aus dem KZ Buchenwald traf am 4. September 1944 ein. Er bestand aus 183 Häftlingen, davon 16 Funktionshäftlinge. Die Gruppe bestand aus fünf Deutschen und Reichsdeutschen, vier Tschechen, 88 Polen, 17 Russen und 99 Franzosen. Für jeden Buchenwald-Häftling gab es eine Karteikarte. Als Haftgrund wurde dort neben den allgemeinen Formulierungen wie „Politischer Franzose“ oder „Politischer Pole“ auch „kommunistisch“, „ehemalige russische Kriegsgefangene“, „vorbestraft“, „homosexuell“, „ohne festen Wohnsitz/Reisender“, „ehemaliger russischer Zivilarbeiter“ und „wehrunwürdig“ angegeben. Mit diesem Häftlingskontingent war es möglich, die Fertigung der V2-Bodenanlagen hoch zu fahren.

Am 14. September 1944 verließ ein weiterer Häftlingstransport mit 200 Häftlingen das KZ Buchenwald mit dem Bestimmungsort Marienthal. Der Transportzug stand jedoch sechs Tage irgendwo auf der Strecke, bevor er am 20. September aus unbekannten Gründen nach Buchenwald zurückkehrte. Zwischen dem 6. Oktober und dem 7. Dezember 1944 sind in drei Transporten neun Häftlinge aus dem KZ Buchenwald als Ergänzung oder Ersatz für nicht mehr arbeitsfähige Personen zum Lager „Rebstock“ transportiert worden.

Ungarische Juden

Am 2. September 1944 traf in Dernau ein Häftlingstransport mit 300 ungarischen Juden ein, allesamt Metallfacharbeiter. Sie waren im Mai 1944 vom VW-Betriebsingenieur Arthur Schmiele persönlich im KZ Auschwitz als Arbeitskräfte für die V1-Serienfertigung ausgewählt worden. Im VW-Hauptwerk in Fallersleben sind sie anschließend in die V1-Montage eingewiesen worden. In dem unterirdischen Fertigungs- und Montagewerk in Tiercelet in Nordlothringen (Deckname „Erz“) sollten die Männer die Kernbelegschaft bilden und andere Häftlinge anlernen. So wurde die 300er-Gruppe am 6. Juli 1944 nach Tiercelet verlegt. Kurz vor Beginn der geplanten Produktion rückte die US-Armee jedoch so nahe an die 23 Hektar große Anlage heran, dass das Personal überstürzt evakuiert wurde. Weil im Rahmen der Maßnahme „Stephan“ auch im Ahrtal eine V1-Endmontage geplant war, wurden die 300 Häftlinge am 2. September 1944 von Tiercelet nach Dernau transportiert und in Baracken auf dem oberen Bahndamm untergebracht. Nachdem die V1-Montage in Dernau zugunsten der Montage der V2-Bodenanlagen aber abgesagt worden war, sind die Häftlinge am 27. September 1944 in das KZ Mittelbau-Dora verlegt worden. Viele von ihnen kamen dort und bei den späteren Todesmärschen ums Leben.

Aufarbeitung

Juristische Aufarbeitung

Nach Kriegsende war das Lager „Rebstock“ im Ahrtal Jahrzehnte lang Tabuthema. Ermittlungen amerikanischer und französischer Untersuchungskommissionen ergaben, dass es auf dem Lagergelände in Marienthal einen Galgen gegeben hatte. Anzahl und Namen der Todesopfer konnten jedoch ebenso wenig ermittelt werden wie die Stellen, an denen die Opfer begraben wurden. Im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens der Staatsanwaltschaft Koblenz kam dann 1986/87 eine Vielzahl von Belegen für Mitwisserschaft in der Bevölkerung zum Vorschein. Überlebende und zivile Augenzeugen berichteten, Häftlinge seien im Lager „Rebstock“ schikaniert und verletzt worden. Außerdem seien Häftlinge von heute auf morgen spurlos verschwunden. Weil die Zeugen jedoch keine gerichtlich verwertbaren Angaben zu Opfern oder Tätern machen konnten, wurde das Ermittlungsverfahren eingestellt. Von den Tätern ist deshalb nie jemand zur Verantwortung gezogen worden.

Beispielhafte Aussagen von Zeugen:

  • G.W., damals in Dernau: Besonders habe ich noch in Erinnerung, dass die Leute mit den graublau gestreiften Anzügen, runden Käppis und Holzschuhen angezogen waren. Einige der Leute gingen auch barfuß. Die Häftlinge sahen sehr schlecht aus, waren stark abgemagert und gaben einen üblen Geruch von sich. Weiter erinnere ich mich, dass sich um diese Häftlinge herum Schwärme von Fliegen bewegten. Da die Häftlinge für jeden erkennbar nur noch aus Haut und Knochen bestanden, gaben sie mir, wenn sie mich erkannten, immer wieder Zeichen, indem sie mit ihren Händen zu ihrem Mund hinführten, was Essen und Hunger bedeutete. Aus diesem Grunde habe ich beim Vorübergehen einer Gruppe von Häftlingen diesen immer wieder Lebensmittel, Obst, Gemüse und Brot zugesteckt, für das sie sich durch Gesten bedankten. Ich erinnere mich noch, dass an der Stelle des Bunkers (mit „Bunker“ war vermutlich ein Wasserbecken gemeint) brutalste Körperverletzungen geschahen. Dabei gaben die Häftlinge teilweise markerschütternde Schreie von sich, was die Peiniger jedoch nicht davon abhielt, weitere Quälereien durchzuführen. Alles das, was ich im Lager und auch auf der Strecke zum Eisenbahntunnel beobachtet habe, war schrecklich, unwürdig und ein Ort des Grauens.
  • R.G. aus Dernau: Ich habe nach dem Krieg ein Waldgrundstück zwischen Marienthal und Ringen aufgesucht. Dort habe ich in der Hanglage einen Galgen vorgefunden. Das in der Erde befindliche Holz war so morsch, dass ich den Galgen umdrücken konnte. Er war drei Meter hoch und der Winkel im oberen Bereich durch eine Schrägstütze stabilisiert. Sein Standort lag etwa 250 Meter von den Baracken des KZ-Lagers Marienthal entfernt.
  • H.G. aus Ahrweiler: Ende 1944 benutzte die Marienthaler Bevölkerung den Eisenbahntunnel in Richtung Dernau als Luftschutz-Unterkunft. Im vorderen Teil dieses Tunnels, gleich hinter dem Eingang, befanden sich mehrere Baracken, in denen sich u.a. auch SS-Leute in grauer Uniform aufhielten. Wiederholt konnte ich feststellen, dass einer der KZ-Häftlinge in eine der Baracken geführt wurde. Bald darauf erklangen aus dem Inneren erbärmlich laute Schreie, sodass ich annehmen musste, dass der Häftling in der Baracke geschlagen oder aber gequält wurde. Die übrigen Häftlinge mussten dabei vor der Baracke stehend die vorgenommenen Quälereien mit anhören. Diese Art, mit Menschen umzugehen, fand ich damals äußerst beschämend.
  • G.K. aus Dernau: Das Lager auf dem Bahndamm war kein Arbeitslager, sondern ein Konzentrationslager. Es wurde im August 1944 zwischen Dernau und Rech errichtet. Zu beiden Seiten des Lagers befanden sich zwei Wachtürme, besetzt mit SS-Wachen, Maschinengewehre richteten sich auf das Lagergelände. Nachts wurde die Anlage mit starken Scheinwerfern angestrahlt. 1945 fand ich noch die Fundamente der Baracken und einen oben offenen unterirdischen Bunker. Darin sah ich in der rechten Ecke einen Haufen Holzschuhe und graublau gestreifte KZ-Kleidung. Zahlreiche Dernauer können meine Feststellungen bestätigen.
  • A.T. aus Dernau: Im 2. Halbjahr 1944 ging ich mit meiner Freundin an einem Sonntag in den Weinbergen oberhalb von Dernau spazieren. Auf dem dort vorhandenen Bahndamm sahen wir innerhalb eines umzäunten Bereichs graue, kopfgroße Gebilde. Offensichtlich handelte es sich um Menschenköpfe, die in einem Zickzackgraben standen, wobei nur die Köpfe der nebeneinanderstehenden Personen zu sehen waren. Über dem Graben war ein Drahtverhau angebracht. Als wir interessierter in Richtung der Köpfe schauten, schrie uns ein Posten auf dem Wachturm zu: Haut ab, macht dass ihr wegkommt!
  • Frau M. M.: Kann sich an einen Vorfall erinnern, der sich in der 2. Hälfte 1944 im Marienthaler Tunnel ereignete. Dabei hat ein sehr junger SS-Mann in der Baracke hinter dem Tunneleingang einen KZ-Häftling sehr stark zusammengeschlagen. Das Opfer blutete aus Nase und Mund. Frau M. konnte das Schlagen des SS-Mannes nur sehen, weil die Tür zu der Baracke offenstand. Als mehrere Marienthaler Frauen den SS-Mann vorwurfsvoll fragten, warum er das tue, hat dieser geantwortet, dass sein Chef ihm das Verprügeln befohlen habe.

Historische Aufarbeitung

Die historische Aufarbeitung des Lagers kam noch später in Gang. Dr. Uli Jungbluth veröffentlichte im Jahr 2000 eine erste umfangreiche Dokumentation zu dem Lager. Bei den Recherchen für seine Veröffentlichung durfte Jungbluth bei der Staatsanwaltschaft Koblenz sämtliche Ermittlungsakten einsehen. Er zitierte viele Häftlingsaussagen und gab Beobachtungen von Bewohnern des Ahrtals wider, die zweifelsfrei belegen, dass die Bevölkerung recht gut Bescheid wusste von dem Lager und dem Leid der dort arbeitenden Häftlinge und Zwangsarbeiter. Zwei Jahre nach Jungbluths Veröffentlichung, im Jahr 2002, brachte Wolfgang Gückelhorn eine Dokumentation über den Rüstungsbetrieb Lager „Rebstock“ heraus – mit bis dahin unveröffentlichten Fotos, Plänen und neuen Zeugenaussagen. Die tatsächlichen Dimensionen der Zwangsarbeit in den Eisenbahntunneln zwischen Ahrweiler und Rech kamen aber erst bei weiteren Recherchen von Wolfgang Gückelhorn in den Jahren 2015/16 zu Tage.

Aufschlussreiche Schlaglichter auf das Lager liefert ein Brief des für die Einrichtung von Untertage-Rüstungsfabriken zuständigen SS-Obergruppenführers Oswald Pohl, der das Lager „Rebstock“ Anfang Mai 1944 besichtigt hatte. In einem Beschwerdebrief vom 10. Mai 1944 an den Chef des Heereswaffenamtes, den Artillerie-General Emil Leeb, schrieb Pohl:

Mit den Vorbereitungen wurde am 1.10.1943 begonnen. Infolge der unklaren Programmgestellung des OHK-HAP 11 (Oberkommando des Heeres, Heeres-Artillerie-Park 11) konnte erst am 1.12.43 tatsächlich der Bau in Angriff genommen werden und am 15.2.1944 übergeben werden. Es wurden in dieser Zeit geschaffen: 24.000 qm Fläche durch Ausbau der Tunnels, dazu durch den Einbau von zweiten Geschossen weitere 2.000 qm, insgesamt also 26.000 qm, die in 2 Tunnels von je 1.275 m Länge eingebaut wurden. (Damit waren der Kuxberg- und der Trotzenbergtunnel gemeint). Ferner wurde in 2 Tunnels von 600 (Silberbergtunnel) bzw. 120 m Länge (Sonderbergtunnel) der erforderliche Lagerraum und eine Umschlagestelle zum Materialumschlag von Normalspurgleis auf Elektrokarren bzw. L.K.W. bereitgestellt (Herrenbergtunnel). An Unterkünften für Arbeitskräfte wurde ein Barackenlager aus 11 massiven Unterkunftsbaracken sowie Baracken für Wirtschafts-, Gemeinschafts- und Bürozwecke errichtet (Marienthal, nördlich des Bahndamms). An Arbeitskräften waren eingesetzt: 500 Zivilarbeiter, 120 SS-Frontarbeiter, 500 ital. Militärinternierte. Die erforderlichen Bewetterungs-, Beheizungs- und Energieversorgungsanlagen wurden während der Bauzeit so rechtzeitig in Angriff genommen, dass sie nach Übergabe bereits voll in Betrieb genommen werden konnten. Die Anlage untersteht dem O.K.H., WaPrüf 11, das die Firma Gollnow Stettin eingesetzt hat. Wie ich bei der Besichtigungsfahrt feststellen konnte, sind die Fertigungsflächen in keiner Weise ausgenutzt. Die Einrichtungsarbeiten sind ebenfalls noch nicht zum Abschluss gebracht. Der Betrieb arbeitet bis heute noch in einer Schicht. Direktor Stöcker von der Firma Gollnow versuchte sogar, Arbeitskräfte von der Baustelle abzuziehen, um sie zum Ausbau und zur Verschönerung seiner Büroräume der in der Nähe beschlagnahmten Schule der Reichsbauernschaft einsetzen zu lassen. (Gebäude südlich der Kirchenruine) Ich bitte Sie, baldmöglichst dafür Sorge tragen zu wollen, dass entweder die geschaffene Fertigungsfläche voll belegt, oder die überschüssige Fläche umgehend dem Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion, insbesondere Jägerstab, zur Verlagerung einer siegentscheidend wichtigen Fertigung zur Verfügung gestellt wird.
Heil Hitler!
gez. Pohl SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS

Die SS als Ausbeutungsbetrieb

Die historische Aufarbeitung machte einmal mehr deutlich, wie die SS und die Rüstungsfirma Gollnow & Sohn das Lager „Rebstock“ zu einem profitorientierten Wirtschaftsbetrieb machten, in dem Häftlinge ausgebeutet wurden, indem sie von der SS gegen Bezahlung als Arbeitskräfte an Gollnow & Sohn ausgeliehen wurden. Für Hilfsarbeiter stellte die SS der Firma Gollnow & Sohn bei zwölfstündiger Arbeit vier Reichsmark pro Arbeitstag in Rechnung. Die SS-Ärzte erhielten die Weisung, kranke und entkräftete Häftlinge unauffällig zu töten, wenn mit deren Gesundung in vertretbarer Zeit nicht zu rechnen war. So verschwanden auch in Marienthal und Dernau Häftlinge, die nicht mehr arbeiten konnten, spurlos und wurden durch andere Häftlinge aus dem KZ Buchenwald ersetzt.

Aus den monatlichen Forderungsnachweisen der Waffen-SS des Konzentrationslagers Buchenwald an das Kommando Rebstock der Firma Gollnow & Sohn ist ersichtlich, dass von dem von Gollnow & Sohn an die SS zu zahlenden Gesamtbetrag Tagessätze für die Verpflegung abgezogen wurden, weil nicht die SS, sondern die Rüstungsfirma für die Verpflegung verantwortlich war. Der Normalverpflegungssatz betrug 65 Reichspfennige je Tag, der für Schwerarbeiter 80 Pfennige. Die Häftlinge erhielten ihr Essen in der Regel aber erst, nachdem sich zuvor Kapos und Wachmänner bedient hatten. Der Rüstungsbetrieb arbeitete rund um die Uhr in zwei Schichten mit je 12 Stunden Arbeitszeit. Als sogenannte Funktionshäftlinge waren eingesetzt: ein Elektroingenieur, zwei Kapos, vier Vorarbeiter, drei Friseure, zwei Schuster, zwei Schneider, ein Arzt und ein Krankenpfleger. Ihre Aufgabe war es, die Einsatzfähigkeit der Produktionshelfer zu erhalten.

Gedenktafel in Dernau

Im Jahr 1986 bildete sich in Dernau eine Initiative zur Erhaltung des Andenkens an das Leid der Häftlinge des Lagers Rebstock. Sie führte dazu, dass 1988 in den Weinbergen oberhalb der Zaungartenstraße in Dernau eine Gedenktafel zur Erinnerung an die Opfer des Lagers „Rebstock“ mit folgendem Wortlaut angebracht wurde:

Zum Gedenken an das Außenlager des KZ Buchenwald 21.08.1944 – 13.12.1944 und allen Opfern des Nationalsozialismus und den Lebenden zur Mahnung

Der Gemeinderat Dernau hatte eine solche Tafel zunächst abgelehnt. Nach einem eindringlichen Appell des damaligen Ortsbürgermeisters von Dernau, Wilhelm Josef Sebastian, fasste der Gemeinderat dann aber einen einstimmigen Beschluss für die Tafel.

Weitere Forschungen ergaben, dass diese Tafel eigentlich in Marienthal hängen müsste, weil die Buchenwald-Häftlinge zwischen dem 21. August und dem 13. Dezember 1944 dort untergebracht waren. Die 300 KZ-Häftlinge aus Tiercelet waren für die Zeit vom 2. bis 21. September 1944 organisatorisch dem KZ Buchenwald zugeordnet.

Siehe auch

Mediografie

Bücher

Beiträge in Tages- und Wochenzeitungen

Fußnoten

  1. Siehe auch: Günther Schmitt: Schriftsteller aus dem Kreis Ahrweiler – Autoren aus Ahrweiler veröffentlichen Bücher über das Dritte Reich, general-anzeiger-bonn.de vom 6. Mai 2018