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Moshe Shen

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Infotafel zu Moshe Shen an der Erinnerungsstätte Lager „Rebstock“ in Marienthal
Die Darstellung in der Mitte, ein Linolschitt von Matthias Bertram, zeigt, wie Moshe Shen im September 1944 von einem Wachmann verprügelt wurde, nachdem er ihn erwischt hatte, wie er Trauben von Weinstöcken nehmen wollte.
Irit und Yael, die beiden Töchter von Moshe Shen, im Sommer 2018
Das rechte der drei Fotos auf dem Buchcover zeigt während seiner Zeit im Krankenhaus in Celle.

Moshe Shen († Januar 2012 in Israel) war 1944 Insasse des Konzentrationslagers Auschwitz, bevor er etwa zwei Wochen im Lager „Rebstock“ nach Dernau inhaftiert war. Eine Tafel an der im Jahr 2017 eröffneten Erinnerungsstätte Lager „Rebstock“ in Marienthal ist Moshe Shen und seinem Schicksal gewidmet.


Vita

Moses Schön (später in Israel hieß er Moshe Shen), ein erst 14-jähriger Häftling, stammte aus der ungarisch-rumänischen Grenzregion, die bis 1940 rumänisch, dann ungarisch war. Er war im Jahr 1944 wenige Wochen im KZ-Auschwitz und wurde dann mit seinem Vater David als „Mechaniker“ für das Volkswagenwerk in Fallersleben ausgewählt. Von dort kam er wenig später – zusammen mit insgesamt 300 jüdischen Gefangenen - nach Tiercelet. Moshe Shen berichtete in seinem Familienbuch über seinen Aufenthalt in Tiercelet, nachdem dort ein Mitgefangener geflohen war, und über die Zeit in Dernau:[1]

... diesem Ereignis, in unserer Routine ganz sicherlich außergewöhnlich, folgten einige Tage der Kollektivbestrafung, ohne Essen. Jedoch verursachte das Vorhaben der Deutschen, das Ereignis so rasch wie möglich zu vertuschen, eine Rückkehr zur üblichen Tagesordnung. Wir verweilten in diesem Lager (Anmerkung: Tiercelet) einige Monate, praktisch den ganzen Sommer. Dann wurde die Routine unterbrochen. Eine gewisse Unruhe bei der deutschen Wachmannschaft machte sich deutlich spürbar. Uns war bekannt geworden, dass die Deutschen die Befestigungen der französischen Maginot-Linie als unterirdisches Produktionswerk für Spezialbomben, deren Produktion in Deutschland vor Längerem gestoppt worden war, planten. Sie begannen die Vorarbeiten zur Errichtung der Anlage, und transferierten uns dort hin, so dass wir bei Arbeitsbeginn sofort vor Ort zur Verfügung standen. Die Alliierten jedoch, kamen immer näher und, ganz unerwartet, kamen einige Bahnwaggons vorgefahren und fuhren uns von dort weg. Die Fahrt dauerte zwei bis drei Tage, bis wir ein kleines, wohlausgebautes (Anmerkung: wörtliche Übersetzung!) Lager erreichten, in Dernau unweit von Koblenz, im bergigen Rheinland. Hier sollte ein langer Tunnel ausgeschachtet werden, in dem der Bau der geplanten Spezialbomben weiter erfolgen sollte, mit der Absicht, dass die Anlage von Luftangriffen unter der Felsenmasse des Gebirges ultimativ und endgültig geschützt sei. Wir und unsere Bewacher wurden in einem kleinen Lager, zwei Baracken, am Berghang untergebracht. Wir wurden mit dem Ausschachten des Tunnels und dem Ausmeißeln der Wände beauftragt, nachdem die Einfahrt gesprengt wurde, und der Stollen mit Presslufthämmern ausgebohrt wurde. Zwölf Stunden täglich schlug ich mit Hammer und Meißel die Tunnelwände gerade, manchmal am Boden stehend, oft auch vom Gerüst aus. Im freigelegten Teil wurden Schienen gelegt, die für Grubenwagen bestimmt waren. Die Wagen beförderten das unter Tage abgebrochene Steingut hinaus. Die Steine vom Tunnel schoben wir ca. zwei Kilometer hinaus, in die Gegend der Weinberge. Es waren Sommertage und die Reben mit saftiger Frucht lockten uns an. Ab und zu, unterwegs und unbeobachtet, haben wir einige Weintrauben hastig gelesen und gegessen. Eines Tages ertappte mich ein deutscher Offizier mit einer Weintraube, die ich meinem Vater brachte. Er schrieb sich meine Nummer auf, und am nächsten Morgen, während des Appells, wurden meine Nummer und die von zwei anderen aufgerufen, um aus der Reihe vorzutreten. Als wir der Gruppe gegenüberstanden sagte der Deutsche, ich würde nicht hingerichtet, da dies mein erstes Vergehen sei, sondern eine Prügelstrafe von fünfundzwanzig Hieben erhalten. Die nächsten gefassten Weintraubendiebe würden sofort hingerichtet werden. Um das Urteil zu vollstrecken, wurde eine Bank hingestellt, auf die ich mich nun stützte, und Meir, der Koch, ein kräftiger Hüne von Mensch, wurde mit der Vollstreckung betraut. Der SS-Mann gab ihm einen Gummischlauch, und er fing an, mich zu schlagen. Die ersten Schläge schmerzten sehr, die weiteren spürte ich weniger, wahrscheinlich wurde ich betäubt oder bewusstlos. Tatsache ist, dass ich die Gewalt der späteren Hiebe nicht mehr in Erinnerung habe. Später sagte mir Meir, er habe versucht mich so gut wie möglich zu schonen, jedoch musste er mich tüchtig verdreschen, denn sonst hätte ihn wohl der Deutsche am Schlauch abgelöst und mir sämtliche Knochen zerschlagen. Nach diesen Hieben konnte ich wochenlang nicht auf dem Rücken liegen. Die Schläge öffneten Schnittwunden am Rücken, die zu Eiterwunden wurden, und es dauerte eine geraume Zeit, bis sie heilten. Einer der Leute berichtete, er habe irgendwo gelesen, dass Wunden schneller heilen, wenn nasses Brot auf sie gelegt wird. Wir wussten damals nicht vom Penizillin, das sich im Brot entwickelt und den Heilprozess fördert. Unter den Juden in der Gruppe gab es solche, die Tage und Wochen zählten, um zu wissen, wann Neujahr (Rosch Haschana = Roschoschono) ist. Vor dem Feiertag fingen wir an, Papierfetzen von den Zementsäcken zu sammeln. Auf das Papier schrieb man, aus dem Gedächtnis, einen Machsor (Gebetbuch) zum Rosch Haschana. Jeder fügte ein Gebet hinzu, welches er in Erinnerung hatte. Am Morgen (vor dem Morgen!) des Rosch Haschana beschlossen wir, früher aufzustehen, um das Feiertagsgebet vor Beginn der Arbeit zu sprechen. Zwei oder drei Tage nach Rosch Haschana traf eine Anweisung ein, uns wieder zu verschleppen, da die Amerikaner immer näher heranrückten. Die bekannte Prozedur wiederholte sich: Es kam ein Bahnwaggon angerollt, Essen für die Fahrt wurde verteilt, die Tür wurde geschlossen und man fuhr; Ziel unbenannt. Die Fahrt dauerte einige Tage, denn das neue Lager, Lager Dora, erreichten wir am Yom Kippur (d.h. zehn Tage nach Rosch Haschana, am Tag der Beichtung/Versoehnung).

Am 2. September 1944 war Moshe Shen also überraschend nach Dernau gebracht worden, obwohl Volkswagen dort die Planungen für den Aufbau von V1-Aktivitäten bereits eingestellt hatte. Die KZ-Häftlinge wurden provisorisch in drei Baracken auf dem Bahndamm oberhalb von Dernau untergebracht. Weil es in Dernau keine Arbeit mehr für VW gab, kam zwei Wochen später die Order, nach Mittelbau Dora im Harz weiterzuziehen. Jahrzehnte später sagte Moshe Shen in einem Interview:

... wir waren nicht lange genug in Auschwitz, um Nummern zu bekommen. ... Es war Ende des Sommers. Wir kamen in ein anderes Lager, nach Dernau bei Koblenz. Es war ein kleines Lager, vielleicht zwei Baracken, eine kleine Fabrik. Aber wir wurden wieder von den anderen separiert. Dort waren die Konditionen noch ein wenig schlechter als im Tunnel von Tiercelet. In Dernau kam der selbe Mann, der uns in Ausschwitz ausgesucht hatte, ins Lager.[2] Wir gehörten noch immer zu Volkswagen. Dort mussten wir ebenfalls Tunnel anlegen.[3] Ich musste mit dem Hammer Löcher in den Fels hauen. Wir waren nicht mehr am Bau der „Geheimrakete“ beteiligt. … im Herbst wurden wir ... in das KZ-Mittelbau-Dora gebracht. Ab da gehörten wir nicht mehr zu Volkswagen. In Dora hatte die SS die Aufsicht übernommen. Dora war schrecklich ...[4]

Moses Schön und sein Vater überlebten die Zeit der Lager. Am 15. April 1945 wurde er in Bergen-Belsen befreit. Schwer erkrankt, musste er fast ein ganzes Jahr im Krankenhaus in Celle verbringen. Nach der anschließenden Zeit im Displaced-Person-Camp in Bergen-Belsen entschied er sich 1947, wie auch sein Vater David, nach Palästina zu ziehen und ein neues Leben zu beginnen. Dort hebräisierte er seinen deutschen Namen Moses Schön in Moshe Shen. Er schloss sich im gleichen Jahr der Haganah an, einer jüdischen militärischen Untergrundorganisation und nahm am israelischen Unabhängigkeitskrieg im Jahr 1948 teil. Bis 1954 blieb er Offizier der Tsahal, der israelischen Armee.

Moshe Shen war maßgeblich daran beteiligt, an der Schule seines Wohnortes Hod HaSharon einen Gedenkraum für die 300 Juden einzurichten, die von Auschwitz zu Volkswagen und dann in weitere Lager kamen. Moshe Shen war überzeugt, dass Erinnern eine tägliche Übung sein und nicht nur an einem einzigen festen Tag im Jahr stattfinden sollte. Moshe starb im Januar 2012 in seiner neuen Heimat Israel.

Mediografie

Matthias Bertram: Untertageverlagerung Geheimkommando 'Rebstock' – Menschen und Fakten, Erinnerungskultur in Deutschland, 154 Seiten, 9,90 Euro, ISBN 978-3-95631-656-2

Fußnoten

  1. Quelle: Matthias Bertram
  2. Hier handelte es sich um den VW-Ingenieur A. Schmiele.
  3. Im englischen Original heißt es „prepare“, also „fertig machen, vorbereiten.
  4. Quelle: Matthias Bertram: Untertageverlagerung Geheimkommando 'Rebstock' – Menschen und Fakten, Erinnerungskultur in Deutschland, 154 Seiten, 9,90 Euro, ISBN 978-3-95631-656-2