Synagoge Niederzissen
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Die Synagoge Niederzissen ist neben der ehemaligen Synagoge Ahrweiler das einzige jüdische Gebetshaus im Kreisgebiet, das überdauert hat. Es ist das älteste nachgewiesene jüdische Gotteshaus im Kreis Ahrweiler. Die Synagoge diente nicht nur der großen jüdische Gemeinde von Niederzissen als Gebetshaus, sondern auch den jüdischen Einwohnern von Oberzissen, Niederdürenbach, Burgbrohl, Wehr, Weiler und Glees.
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Anschrift und Standort
Mittelstraße 3 (alte Anschrift: Schmidsberg)
Geschichte und Vorgeschichte
Bereits im Jahr 1580 gab es nachweislich Juden in Niederzissen. Es gib allerdings Hinweise darauf, dass es bereits 1250, im Baujahr der katholischen Pfarrkirche, eine kleine jüdische Gemeinde im Ort gab. Mündlicher Überlieferung nach sei das in einem Eintragungsbuch von 1250 nachzulesen.[1]
Im Jahr 1838 erwarb die jüdische Gemeinde Niederzissen das mit einer Scheune und einem Haus bebaute Grundstück in der Mittelstraße, riss die Scheune ab und errichtete von 1840 bis 1844 die Synagoge. Am 3. September 1844 wurde die Synagoge, die an ihrer Stelle gebaut worden war, feierlich eingweiht. Auf einem Ortsplan von 1890 wird der Bereich bereits als "Judengässchen" bezeichnet; die umliegenden Häuser wurden allesamt von Juden bewohnt.
Judenverfolgung im III. Reich
Hans Willi Kempenich schildert in der Rhein-Zeitung vom 9. November 2011:
- Niederzissen war einmal eine große und bedeutende jüdische Gemeinde gewesen. Doch schon vor den Ereignissen im November 1938 hatten auch hier die Schikanen gegen die Juden begonnen. Im Juli 1942 waren die letzten elf älteren jüdischen Mitbürger zusammen mit 21 Leidensgenossen aus Bad Neuenahr, Bad Bodendorf, Sinzig und Heimersheim über Köln ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurden. Die Jüngeren waren schon im April ins KZ Belzec verschleppt worden. Das besagen die Recherchen von Brunhilde Stürmer, die sich seit Jahrzehnten sehr intensiv mit der Geschichte ihrer Heimatgemeinde befasst.
Reichspogromnacht
In der Reichspogromnacht, gegen Morgen des 10. Septembers 1939, wurde die Synagoge geschändet. Hans Willi Kempenich schildert in der Rhein-Zeitung vom 9. November 2011:
- Mit Äxten schlagen die Nazis die Tür des 1844 erbauten Gotteshauses ein, zertrümmern das Inventar und zerschießen die Lampen. Feuer legen sie nicht – vermutlich wegen der dichten Bebauung im Niederzissener Ortskern. Erst bei Tageslicht erkennen Anwohner das Ausmaß der Verwüstung: Auf der Straße liegen zerfetzte Thorarollen, zerrissene Gebetsbücher und Teile der Inneneinrichtung. Fünf oder sechs Personen seien es gewesen, berichten Augenzeugen. Es waren Einheimische, sagen die einen, sie kamen von auswärts, behaupten andere. Ältere Schüler der nahe gelegenen Volksschule wurden von ihrem Lehrer in die Synagoge geschickt, wo sie sich austoben durften. Was das Rollkommando nicht zerstört hatte, ging jetzt zu Bruch, heißt es dazu in der Niederzissener Chronik.
Die Niederzissener Juden wurden gezwungen, das Anwesen zu verkaufen. Im November ist sie von der Familie Blankart gekauft und als Schmiede genutzt worden. Im Zuge der Wiedergutmachung wurde dieser Vertrag im Jahr 1949 für nichtig erklärt. 1951 erwarb die Familie Blankart das Anwesen erneut. Anfang der 1990er-Jahre wurde der Betrieb eingestellt; von da an stand das Gebäude leer.
In einem Bericht von der Jahreshauptversammlung des Kultur- und Heimatvereins Niederzissen e.V. schrieb die Rhein-Zeitung am 22. Februar 2008:
- Alfons Blankart, der als 14-Jähriger die Reichskristallnacht in Niederzissen miterlebt hatte, berichtete den Besuchern zudem von dem Erlebten. Bilder vermittelten einen Eindruck von vergangenen Zeiten, und Brunhilde Stürmer stellte einige religiöse Gegenstände vor, die sie auf dem Speicher der Synagoge gefunden hatte. Einmalig in Deutschland befindet sich dort eine Genisa, ein Hohlraum, der noch allerlei Gegenstände beinhalten dürfte. "Es könnte sich auch das Memobuch von 1250 dort befinden. Diese Genisa müsste unbedingt von einem Fachmann eingesehen und geborgen werden."
An seinen Ursprung als Synagoge erinnern heute noch zwei große Rundbogenfenster und das runde Giebelfenster. Der Dachboden des Gebäudes berge noch heute einen Schatz: "fast unberührte Reste einer jüdischen "Geniza", eines vermauerten Hohlraums zur Aufbewahrung ausgedienter liturgischer Schriften", wie die Rhein-Zeitung am 6. Juli 2009 schrieb.
Am 9. November 2009 entschied sich der Gemeinderat Niederzissen für den Kauf des Grundstücks mit der ehemaligen Synagoge. Am 3. Juni 2009 hatte sich der Rat zunächst mit knapper Mehrheit gegen einen Kauf entschieden, nach einer in Bürgerversammlungen äußerst kontrovers geführten Debatte. Zu dieser Zeit gab es noch einen privaten Kaufinteressenten, der sein Angebot aber später zurückzog und auch nie vorhatte, die Synagoge der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen. Nach der Entscheidung gegen den Kauf formierte sich eine Bürgerinitiative, die den Kauf der ehemaligen Synagoge durch die Gemeinde sowie eine öffentliche Nutzung propagierte und einen Bürgerentscheid anstrebte. Es gelang der Initiative auch, die für ein Bürgerbegehren erforderliche Zahl von Unterschriften zu sammeln. Mit seiner Kaufentscheidung vom 9. November 2009 machte der Gemeinderat den angestrebten Bürgerentscheid dann obsolet.
Der Kaufpreis betrug 33.000 Euro, von denen die die rheinland-pfälzische Stiftung Kultur 12.000 Euro übernimmt. Allerdings stellt die Gemeinde 250.000 Euro für die Renovierung zur Verfügung.
Konrad Jeub (CDU) sprach nach dem Kaufentscheid „von einem denkwürdigen Tag und einer mit großer Mehrheit gefassten, klugen Entscheidung.“ FWG-Sprecher Walter Fuhrmann hingegen meinte: "Jetzt zahlt die Gemeinde einen hohen Preis. Es wäre auch privat gegangen." Die Synagoge könne in Niederzissen „ein regelrechtes Leuchtturmprojekt“ werden, sagte Ratsherr Richard Keuler; für die Umsetzung sagte er die Hilfe des Kultur- und Heimatvereins Niederzissen e.V. zu, dessen Vorsitzender er ist.[2]
Bei Aufräumarbeiten wurde auf dem Speicher des Gebäudes eine unversehrte Genisa entdeckt. Das ist normalerweise ein vermauerter Hohlraum zur Aufbewahrung ausgedienter jüdischer Schriften. Möglicherweise blieben den Niederzissener Juden zum Einmauern keine Zeit mehr; deshalb versteckten sie die Gegenstände in Nischen, Deckenwölbungen und Hohlräumen zwischen den Deckenbalken auf dem Dachboden. Außerdem wurden Handschriften, Bücher, liturgische Tücher, Säckchen mit Gebetsriemen, Thoramäntel und Beschneidungswindeln geborgen. Insbesondere die Schriften waren allerdings teilweise in schlechtem Zustand und verfielen bereits zu Staub. Einigermaßen gut erhalten war das Mohelbuch, das Beschneidungsbuch, in dem viele Namen der ehemaligen männlichen Gemeindemitglieder verzeichnet sind. Der Schmied, der das Gebäude 1939 kaufte und dort seine Werkstatt einrichtete sowie seine Söhne haben die auf dem Speicher liegenden Gegenstände offenbar nicht angerührt.[3]
Das Gebäude soll als Erinnerungs- und Begegnungsstätte dienen. Dem Konzept nach müssen rund 370.000 Euro aufgebracht werden, um das Gebäude wieder herzurichten. Daran beteiligen sich das Land, die Landesdenkmalpflege, die Stiftung Denkmalschutz, die Gemeinde sowie der Kultur- und Heimatverein.
"Die Bauarbeiten an der ehemaligen Synagoge in der Mittelstraße können beginnen", meldete die Rhein-Zeitung am 17. November 2010. Landrat Dr. Jürgen Pföhler habe persönlich die Baugenehmigung an Ortsbürgermeister Richard Keuler übergeben. Im Juni 2010 hatte der Gemeinderat Niederzissen dem überarbeiteten Konzept mit einem Kostenvolumen von 370.000 Euro zugestimmt, zu dessen Finanzierung Zuschüsse und Zuwendungen in Höhe von 90 Prozent erwartet werden. Damit der alte Synagogenraum wieder als solcher erkennbar wird, soll zunächst die alte Westwand wiederhergestellt werden. Die Giebelwand zum ehemaligen Vorhof, also zur Mittelstraße hin, wird nach altem Vorbild restauriert und optisch vom Anbau durch ein Lichtband abgesetzt. Die Frauenempore, die nur noch an der Nordseite erhalten ist, wird entlang der Westwand ergänzt.
Ob, wie vom Landeskonservator angeregt, über dem Eingangsbereich eine dritte Emporenseite angefügt wird, war im November 2010 noch nicht entschieden. Denn historisch belegt seien nur zwei Seiten. Im nördlichen Anbau werden behindertengerechte WC-Anlagen, eine Teeküche, Heizungstherme sowie eine Treppe untergebracht. Diese führt in einen Raum, der als Lager, Archiv und Bibliothek genutzt werden soll. Zudem wird von dort aus der Zugang zur Empore möglich sein. Der ehemalige Werkstattanbau wird vom Hauptraum durch eine doppelflügelige Tür getrennt und künftig für eine Dauerausstellung der Funde vom Dachboden genutzt. Der ehemalige Synagogenraum selbst soll als Veranstaltungsraum kulturellen Zwecken dienen.
Für die Dachsanierung und weitere Wiederherstellung der ehemaligen Synagoge erhielt Ortsbürgermeister Richard Keuler im Dezember 2010 von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz einen Fördervertrag über 70.000 Euro.[4]
Sanierung
Die Gesamtkosten der Sanierung einschließlich Ankauf sind mit 405.000 Euro veranschlagt. An Fördergeldern sind 317.000 Euro vorgesehen. Diese Fördermittel kommen von der Dorferneuerung des Landes Rheinland-Pfalz (160.000 Euro), der Landesdenkmalpflege (75.000 Euro), der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (70.000 Euro) und der Landesstiftung für Kultur (12.000 Euro). Der Anteil der Eigenleistung, die der Kultur- und Heimatverein erbringt, beträgt 30.000 Euro.[5]
Eröffnung als als Erinnerungs- und Begegnungsstätte
Nach dreijähriger Sanierung wurde die ehemalige Synagoge am Sonntag, 18. März 2012, mit einem Festakt als Erinnerungs- und Begegnungsstätte eröffnet. Das Gebäude sei nun "ein wahres Vorzeigeobjekt, das dem Originalzustand der 1844 eingeweihten Synagoge nachempfunden ist", schrieb Hans Willi Kempenich am Tag darauf in der Rhein-Zeitung. Per Lautsprecher wurde die Feier auf die gesperrte Straße übertragen.[6]
Pfarrer Peter Bollig und Kantor Jürgen Ries von der jüdischen Gemeinde Neuwied sprachen während der Feier Gebete. Sara Berger hatte in Jerusalem zwei Mesusot gekauft und mitgebracht. Diese Behälter mit Versen aus dem Deuteronomium wurden an den rechten Pfosten der beiden Türen angebracht. Die Lyrikerin und Friedensaktivistin Irena Wachendorff aus Remagen trug Gedichte vor.
Während der Feier wurde ein von der deutschstämmigen und in den USA lebenden Künstlerin Steffi Friedman geschaffenes Bronze-Relief auf Granit enthüllt. Dr. Larry Friedman, der Sohn der Künstlerin, und Harvey Berger, beide wohnhaft in San Diego (USA), übergaben das Werk. Das Relief, das an die Opfer des Holocausts erinnern soll, zeigt links eine brennende Synagoge, in der Mitte im Meer treibende Koffer und Habseligkeiten sowie am rechten Bildrand das rettende Ufer Palästinas unter der Flagge des Staates Israel mit dem Davidstern. Koffer und Körbe sollen für die Menschen stehen, die die Schoah überlebten.[7]. Harvey Berger ist der Enkel des letzten Vorstehers der jüdischen Gemeinde Niederzissen, Karl Berger. Berger dankte Brunhilde Stürmer, die seit Jahrzehnten mit beständiger Forschungsarbeit die Erinnerung an die jüdischen Mitbürger in Niederzissen wachhält, und überreichte ihr eine Erinnerungsplakette. Berger war mit seiner ganzen Familie nach Niederzissen gekommen, um der Feier beizuwohnen. „Now I have a familiy in Niederzissen“ (Nun habe ich eine Familie in Niederzissen), schloss er seine Ansprache.
Beim anschließenden Empfang in der Bausenberghalle gratulierten Staatssekretärin Beate Reich, Landrat Dr. Jürgen Pföhler, Verbandsgemeindebürgermeister Johannes Bell und der Königsfelder Ortsbürgermeister Hans-Josef Zipp (Königsfeld) der Gemeinde. Prof. Michael Krautzberger, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, erklärte die beträchtliche Förderung des Projekts. Der Männergesangverein Niederzissen 1902 e.V. und die Klezmer-Gruppe „Niealldoh“ begleiteten den Empfang musikalisch.
Mediografie
- Udo Bürger: Niederzissen, in: Hans Warnecke (Hrsg.): Zeugnisse jüdischen Lebens im Kreis Ahrweiler, Bad Neuenahr-Ahrweiler: Are-Buchhandlung 1998, ISBN 3-929154-23-4, S. 111−128
- Anne Wagner/Richard Keuler: Das Synagogengebäude in Niederzissen im Wandel der Zeit. Synagoge - Schmiede - Erinnerungs- und Begegnungsstätte, in: Heimatjahrbuch des Kreises Ahrweiler 2010, S. 179
siehe auch
Weblinks
- Alemannia Judaica: Die Synagoge Niederzissen
- Die Synagoge Niederzissen auf Wikipedia
- "Die Schätze der Niederzissener Synagoge liegen unterm Dach" (General-Anzeiger)
Fußnoten
- ↑ Quelle: Rhein-Zeitung vom 7. Oktober 2010
- ↑ Quelle: Rhein-Zeitung vom 11. November 2009
- ↑ Quelle: Rhein-Zeitung vom 7. Oktober 2010
- ↑ Quelle: 70.000 Euro fürs "Haus der Kultur" in Niederzissen, rhein-zeitung.de vom 17. Dezember 2010
- ↑ Quelle: Pressemitteilung der Kreisverwaltung Ahrweiler vom 21. Januar 2011
- ↑ Quelle: General-Anzeiger vom 19. März 2012
- ↑ Quelle: General-Anzeiger vom 16. März 2012

