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Richard Meyer

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Richard Meyer (* 18. August 1918 in Sinzig, † 6. Februar 2016 in London), Sohn von Louis und Rosa Meyer, wurde von seinen Freunden in Sinzig einst „Taubenkönig“ genannt. Aber nicht nur mit Tauben, sondern auch mit Rindern und Pferden kannte er sich bestens aus. Denn sein Vater verdiente den Lebensunterhalt für die fünfköpfige Familie mit dem Handel von Pferden. Andere Kaufleute setzte er immer wieder mit seiner Schätzkunst in Erstaunen: Das Gewicht eines ausgewachsenen Pferdes konnte er auf ein Pfund genau schätzen. Meyers Elternhaus in der Nähe der Einmündung der Barbarossa- in die Lindenstraße steht heute noch, Scheune und Stall wurden jedoch abgerissen. Auf der gegenüber liegenden Seite der Barbarossastraße pflegte Richard Meyers Mutter einst einen Gemüsegarten.


Vita

Der Tag, an dem die jüdischen Männer aus Sinzig, darunter sein Vater, auf dem Marktplatz zusammengetrieben wurden, um über Schloss Brohleck nach Koblenz ins Gefängnis gebracht zu werden, blieb Richard Meyer zeitlebens in Erinnerung, wie er bei einer Veranstaltung der Vereinigung Rathaus Oberwinter und Archiv e.V. im November 1999 im Alten Rathaus Oberwinter sagte. Die Jüdische Gemeinde Remagen sei in den 1930er Jahren nur noch sehr klein gewesen, erinnert er sich. Weil zu einem Gottesdienst in der Synagoge zehn Männer nötig sind, machten sich Richard Meyer und ein paar andere junge jüdische Männer aus Sinzig jeden Sabbat zu Fuß nach Remagen auf, um die geforderten Zehn in der dortigen Synagoge voll zu machen. Drei Jahre lang, von der Sexta bis zur Quarta, besuchte Richard Meyer die 1939 geschlossene Maristenschule Remagen. Dann wechselte er zum Andernacher Gymnasium – bis die Nationalsozialisten verboten, dass jüdische Jugendliche höhere Schulen besuchen.[1]

Richard Meyer arbeitete zeitweise in der Metzgerei Gottschalk in Bodendorf, wollte aber auswandern und lernte deshalb Englisch und Französisch.

Nach langen Bemühungen erhielt Richard Meyer 1938 ein Visum für Holland. Der damals 20-Jährige floh mit einem NSU-Motorrad über die Grenze. Nachdem er in Holland angekommen war, erließen die Holländer ein rückwirkendes Gesetz, nach dem alle Flüchtlinge bis zu einem bestimmten Datum zurück nach Deutschland geschickt werden sollten. So wurde Richard Meyer von der Polizei einem Wald zurück nach Deutschland abgeschoben. Aber er wagte sich wieder nach Holland und ging von dort über die Grenze nach Belgien. Dort kam er bei seinem dort lebenden älteren Bruder unter, und er fand Arbeit. Dann aber ging seine Reise weiter – zunächst nach Luxemburg, bevor er 1939 ein Visum für England erhielt. Zwischen Juli 1940 und Januar 1941 wurde Meyer dort in insgesamt sieben Camps interniert. Später lebte er jahrzehntelang in einem Londoner Vorort.

Mit etlichen Remagener Juden war Meyer verwandt oder befreundet. Besonders gut konnte er sich an die Familien Fassbender, Levy und Marx erinnern, aber auch an das Bodendorfer Ehepaar Gottschalk. Dessen Söhne Max, Fritz und Jakob konnten vor dem Nazi-Terror fliehen. Die meisten anderen aber kamen in Konzentrationslagern um. Darunter einer seiner beiden Brüder, Julius Meyer. Fünf Jahre hatte er im KZ Auschwitz überlebt, bevor er beim Todesmarsch in Richtung Dachau starb. Nur wenige Juden hatten genügend Geld und Beziehungen, um auswandern zu können, einigen gelang im letzten Moment die Flucht – zum Beispiel der Familie Cahn und den Geschwistern Bähr aus der Remagener Metzgerei Bähr. Richard Meyers Eltern konnten sich ebenfalls vor den Nazis retten. Nach dem Krieg kehrten sie sogar nach Sinzig zurück. Weil sie dort aber keine Freunde und Verwandten mehr hatten, verbrachten sie ihre zehn letzten Lebensjahre bei Richard Meyers zweitem Bruder in England. Dennoch waren fünf Mitglieder der seit 1750 in Sinzig lebenden Familie Meyer im KZ ermordet worden.

Nachdem Richard Meyer am 6. Februar 2016 in London verstorben war, wurde Norbert Hesch, der ehemalige Bürgermeister von Sinzig, für den 27. Oktober 2016 zu einem Memorial Stone Setting auf dem Friedhof des United Synagogue Center in Bushey verbunden. Viele Jahre zuvor, während seiner Amtszeit als Bürgermeister, war Hesch mit Richard Meyer durch Sinzig gefahren – u.a. an Meyers Elternhaus vorbei. Über Jahrzehnte hinweg pflegten Hesch und Meyer den Kontakt miteinander. Immer wieder besuchte Meyer seine Geburtsstadt. Er gab den Anstoß dazu, am ehemaligen Standort der Sinziger Synagoge auf dem heutigen Parkplatz an der Renngasse eine Gedenkstätte zur Erinnerung an die während der Nazi-Zeit ermordeten Sinziger Juden zu errichten. Der Löhndorfer Bildhauer Titus Reinarz schuf den Gedenkstein, der dort im Jahr 1992 aufgestellt wurde. „Er war ohne Hass, und ich habe das Gefühl gehabt, dass er hier immer noch seine Heimat sieht – und das nach all den Schrecknissen“, sagte Ex-Bürgermeister Hesch der Rhein-Zeitung.

Mediografie

„Zwischen Shoa und überleben“ – Ausstellung konzentriert sich auf die jüdische Familie Meyer aus Sinzig, in: Hildegard Ginzler: Sinziger Schloss-Geschichten II – Eine Serie der Sinziger Zeitung zum Heimatmuseum Sinzig – Juni 2005 bis September 2010, Sinzig 2010, 76 Seiten, S. 53 f.

Fußnoten

  1. Quellen: Anton Simons: In Sinzig nannten sie ihn "Taubenkönig" - Zurückgekehrt: Richard Meyer besuchte die Stationen seiner jüdischen Jugend am Rhein, in: Rhein-Zeitung vom 12. November 1999, Judith Schumacher: Vom "Taubenkönig" zum Opfer der Nazis - Wider das Vergessen: Ausstellung von Schülern des Rhein-Gymnasiums dokumentiert die Geschichte der jüdischen Familie Meyer aus Sinzig, Rhein-Zeitung vom 29. Januar 2004, und Judith Schumacher: Sinzig ist stets Richard Meyers Heimat geblieben – Meyer floh vor den Nazis nach England, wo er nun hochbetagt gestorben ist, in: Rhein-Zeitung vom 30. August 2016