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Willy Ahrem

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Willy Ahrem im Jahr 1935
Ehefrau Elly Ahrem (Mitte) mit den Töchtern Helga, Ingrid und Elke und Sohn Ewald
Das Grab der Familie Ahrem auf dem Friedhof Bad Neuenahr im Ortsteil Beul. Vorne links der Grabstein von Willy Ahrem
Urkunde zur Verleihung der Auszeichnung „Gerechter unter den Völkern“ an Willy Ahrem durch die 1953 in Jerusalem eröffnete Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem

Im Rathaus Bad Neuenahr-Ahrweiler wird über eine Erinnerungstafel für den Diplom-Kaufmann Willy Ewald Ahrem (* 18. November 1902 in Elberfeld, † 20. Juni 1967 in Wuppertal), Sohn eines erfolgreichen Exporteurs und selbst Exporteur, nachgedacht, der mit Bad Neuenahr-Ahrweiler verbunden war. Ahrem wurde von Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ gewürdigt. Die Wilhelm Fix GmbH Bad Neuenahr, deren Bautrupp Willy Ahrem in Nemirov und Umgebung führte, gehörte seinen Schwiegereltern Wilhelm Fix senior und dessen Frau Marie Fix. Willy Ahrem war 1931 Gründungsgesellschafter und bis 1950 Gesellschafter der Firma.[1] Als Führer des Bautrupps forderte er jüdische Gefangene als Facharbeiter an und bewahrte sie damit vor der Erschießung.[2]


Vita

Willy Ahrem wurde am 18. November 1902 in Elberfeld geboren; damals gab es die erst 1929 gegründete Stadt Wuppertal noch nicht. In Elberfeld, wo er als „Jungwandervogel“ der links orientierten Wandervogel-Bewegung angehörte, wuchs Ahrem auch auf. Er las die Klassiker der Weltliteratur und englische Literatur, zum Beispiel John Stuart Mills Until Liberty. Nach seinem Examen als Diplom-Kaufmann ging er ab 1925 im Auftrag seines Vaters nach Übersee, um Märkte für die Export-Firma Ewald Ahrem aufzubauen: zwei Jahre Argentinien mit Abstechern in die Nachbarstaaten, zwei Jahre nach Südafrika, anschließend Australien und Neuseeland. Willy Ahrem sprach fließend Englisch und Spanisch.

Der Pate von Willy Ahrem, Dipl.-Ing. Willy Langenbeck aus Elberfeld, bei der Reichsbahn beschäftigt, arrangierte mit seinem Geschäftsfreund Wilhelm Fix ein Familientreffen in Neuenahr.

Am 29. Januar 1931 wurde im Hotel „Kaiserhof“ in Bad Neuenahr pompös die Hochzeit von Willy Ahrem, Sohn eines erfolgreichen Exporteurs, und Elly Fix, Tochter eines ebenso erfolgreichen Bauunternehmers, gefeiert.

Das Motiv dafür, dass Willy Ahrem Juden vor der Ermordung rettete, seien „nicht wirtschaftliche Interessen gewesen, sondern seine humanistische Erziehung, die konträr zur Nazi-Ideologie stand“, schrieb sein Sohn Ewald im Heimatjahrbuch des Kreises Ahrweiler für das Jahr 2020.

Mitte 1940 wurde Willy Ahrem, der inzwischen Vater geworden war, zur Wehrmacht eingezogen. Wegen seiner hervorragenden Englisch-Kenntnisse ist er zunächst zu einer Dolmetscher-Kompanie nach Münster versetzt worden. Dort hörte er die Predigten des Bischofs Emil August Graf von Galen, wie er im St.-Paulus-Dom seine Thesen gegen die Nazis predigte, obwohl er wusste, dass Spione der Gestapo unter den Gläubigen saßen. Ahrem bewunderte diesen Mut des Bischofs und ließ sich von ihm dazu motivieren, Juden vor dem Tod zu retten.

Um an einem Fronteinsatz vorbei zu kommen, übernahm Willy Ahrem die Aufsicht einer von der Bauunternehmung Wilhelm Fix aus Dernau im Auftrag der Organisation Todt eingesetzten Bautrupp mit Facharbeitern aus jüdischen Zwangsarbeitern in Nemirow in der Ukraine. Diese Kolonne kam beim Ausbau der sogenannten Straße der SS, der Durchgangsstraße IV, zum Einsatz. Die Firma aus Dernau unterhielt Lagerplätze für die übertragenen Bauprojekte, dass schloss auch Unterkünfte der aus dem Ahrtal und der Eifel abgestellten Facharbeiter ein. Die ukrainischen und jüdischen Zwangsarbeiter wurden von der SS den Bau ausführenden Firmen zugeteilt. Das Verhältnis von Stammarbeitern und Zwangsarbeitern lag dabei zwischen 1:5 und 1:10.

Wenige Wochen, nachdem Ahrems Einsatz begonnen hatte, kamen Gerüchte auf, spezielle Einsatzgruppen würden Juden zusammentreiben und systematisch ermorden. Auf den Baustellen der Firma Wilhelm Fix waren hunderte jüdischer Zwangsarbeiter eingesetzt. Durch einen Zufall erfuhr Ahrem von einem bevorstehenden Einsatz einer solchen Einsatzgruppe. Das Baubüro der Firma Fix war nämlich aufgrund eines Versehens über einen für den nächsten Tag geplanten Erschießungseinsatz informiert worden. So konnte Willy Ahrem in der Nacht zuvor den deutschsprachigen Jehoschua Menzer warnen, der daraufhin weitere Juden informierte, die in der Kolonne arbeiteten. Viele flüchteten daraufhin in die umliegenden Wälder und entgingen so ihrer geplanten Ermordung.

Später wurden die jüdischen Zwangsarbeiter und ihre Familien in das Ghetto Nemirov abtransportiert. Wenige Wochen später war erneut eine Erschießungsaktion geplant. Dazu wurden fast alle Juden aus dem Ghetto Nemirov, die in der Firma Fix eingesetzt waren, in einer ehemaligen Kirche zusammengetrieben. Willy Ahrem verhandelte mit den verantwortlichen SS-Offizieren und konnte „seine jüdischen Facharbeiter“ mit dem Argument vor der Erschießung retten, dass er den Bau der SS-Straße als kriegswichtiges Projekt nicht ohne sie verwirklichen könne. Weil einige Arbeiter nur bereit waren, die Kirche zusammen mit ihren Familien zu verlassen, verhandelte Willy Ahrem weiter, und so bekam er am 23. November 1941 die Angehörigen von mehr als einem Dutzend seiner Facharbeiter frei. Auf diese Weise gelang es ihm, mehr als 100 ukrainische Juden zu retten.

Nachdem er zum Standort zurückgekehrt war und dort einen wichtigen Zimmermann vermisste, begab sich Ahrem zum Erschießungsort, um diesen jüdischen Facharbeit zu retten. Aber Ahrem konnte ihn nicht mehr finden und begab sich deshalb in seine Unterkunft. Anfang der 1960er Jahre gab er zu diesem Tag zu Protokoll:

Als ich zu diesem Zeitpunkt an dem Massengrab war, wurden gerade die letzten zehn Juden erschossen und zwar durch einen SS-Mann. Der Betreffende hatte eine 08-Pistole, womit er schoss. Das Massengrab selbst lag voller Leichen, und zwar bis fast 50 cm unter dem oberen Rand ... Die Zahl der erschossenen Juden schätze ich 1200.[3]

Bei einer weiteren „Säuberungsaktion“ versteckte Willy Ahrem Juden zunächst im Keller seines Haus, um sie in den folgenden Nächten zusammen mit seinem Fahrer, Wilhelm Manderwirth aus Dernau, in das Ghetto Djurin im rumänisch besetzten Transnistrienzu zu bringen. Auch später noch kümmerte er sich um diese Juden: Er übernahm für sie Kurierfahrten nach Bukarest, versorgte sie mit Lebensmitteln, gab ihnen Geld und unterhielt Kontakte zu jüdischen Organisationen, die im Untergrund tätig waren. Dann aber aber wurde er als Judenhelfer denunziert, woraufhin er 1943 nach Deutschland versetzt und, wie bereits zuvor, als Dolmetscher bei der Wehrmacht eingesetzt wurde.[4]

Willy Ahrems Verhalten in der Ukraine machte auch bei seinen Angehörigen daheim Schule. So wurde die Firma Wilhelm Fix in Dernau in den 1940er Jahren für einige Juden zur letzten Zuflucht. Sie sind dort auf Baustellen, auf dem Bauhof in Dernau, in den Werkstätten, Lagern und im Sägewerk eingesetzt worden.

Die Judenfreundlichkeit wurde allerdings nicht von allen Beschäftigten der Firma mitgetragen. Nachdem Bauführer Kressel, Leiter der NS-Ortsgruppe Bad Neuenahr, am 10. März 1941 jüdische Mitarbeiter der Firma angezeigt hatte, wurden sie der Gestapo in Koblenz übergeben. Ihr weiteres Schicksal ist unbekannt.

Gegen Ende des Krieges geriet Willy Ahrem in Schleswig-Holstein in britische Gefangenschaft. Die deutschen Truppen wurden zu dieser Zeit von britischen Einheiten aus Holland bis in den Norden von Deutschland zurückgedrängt. Aufgrund seiner guten Kenntnis der englischen Sprache hatte er mitbekommen, dass die Briten wegen Lebensmittelmangel Kriegsgefangene zur Einbringung der Ernte entließen. Daraufhin meldete sich Willy Ahrem, so dass er im Juni 1945 entlassen wurde.

Erst da erfuhr Willy Ahrem, dass seine damals 33-jährige Ehefrau Elly und zwei seiner Töchter Helga (13 Jahre alt) und Ingrid (10 Jahre alt), etwa drei Monate zuvor, am 7. März 1945, gestorben waren, nachdem sie unterhalb der Landskrone in Heppingen von amerikanischen Soldaten beschossen worden waren. Ewald Ahrem beschrieb die „Familienkatastrophe“, wie er selbst sie dort nennt, im Heimatjahrbuch des Kreises Ahrweiler 2020:

Am 7. März erreichte die US Task Force Prince auf ihrem Weg zur noch intakten Rheinbrücke das Ahrtal in Heppingen. Eine Cousine meiner Mutter hatte noch kurz vor dem Untergang des III. Reiches einen SS-Offizier, stationiert auf dem Apollinaris-Brunnen, geheiratet. Um ihre Haut zu retten, überredeten die SS-Offiziere sie, sich von ihren Verwandten auf der Flucht begleiten zu lassen. So gelangten meine Mutter und meine drei Schwestern auf die von Treckern gezogenen Anhänger. Die von Meckenheim über Gimmigen gegen 10 Uhr vormittags anrollenden amerikanischen Panzer sahen die in Richtung der Landskrone fliehende SS-Kolonne und eröffneten nach Einbiegen auf die Landskroner Straße das Feuer. Das letzte Fahrzeug vor der Rechtskurve der Landskroner Straße wurde getroffen. Auf diesem Hänger saßen meine Mutter, meine Geschwister Helga, Ingrid und Elke und meine Tante Claire Fix, die Ehefrau von Konrad Fix. Der katholische Pfarrer Bernhard Pesch schrieb 1946 meinem Vater, dass er im Laufe des Nachmittags meiner Mutter und meinen Schwestern Helga und Ingrid die letzte Ölung gab, bevor sie starben. Die amerikanischen Soldaten hatten es der Heppinger Bevölkerung untersagt, Hilfe zu leisten ... Mein Glück war es, dass ich nach Weihnachten 1944 gegen meine Schwester Ingrid ausgetauscht worden war und mit meinen Großeltern Wilhelm & Marie Fix das Ende des Krieges auf ihrer Jagdhütte im hessischen Dilltal überlebte.[5]

Elly Ahrems jüngste Tochter, die vierjährige Elke, kam mit einem Streifschuss davon.[6]

Ewald Ahrem senior, der Vater von Willy Ahrem, schrieb am 20. Juni 1945, nachdem ihn die Nachricht vom Tod seiner Schwiegertochter Elly und seiner Enkelinnen Helga und Ingrid erreicht hatte, an seinen Schwager Wilhelm Fix:

Ich denke oft an Willy's Berichte, als er Weihnachten 1941 von Nemirov in Urlaub kam und mitteilte, welches Blutbad wir unter der nichts ahnenden Bevölkerung angerichtet haben, dass er nächtelang nicht hatte schlafen können infolge des Geschreis der Frauen und Kinder. Er sagte danach, dass es keine Gerechigkeit mehr gäbe ...[7]

Willy Ahrem hatte seinen Erstwohnsitz nach Kriegsende weiterhin in Wuppertal-Elberfeld. Ab 5. Juli 1945, nach seiner Bestellung zum Bevollmächtigten der Militärregierung für die Wilhelm Fix GmbH Dernau (Willy Ahrem war zwar seit Gründung der Gesellschaft Minderheitsgesellschafter, jedoch lag sein beruflicher Mittelpunkt bei der Exportfirma Ewald Ahrem und in Übersee) lebte Willy Ahrem wieder in Neuenahr. In seiner Meldekarte ist sein Zuzug in die Hauptstraße 54 in Bad Neuenahr als Zweitwohnsitz mit 5. Juli 1945 datiert. Nachdem die Villa Fix nebst Nebengebäuden von der Besatzung beschlagnahmt worden war, hatte die Familie Fix in Bad Neuenahr keine Wohnadresse mehr. Ewald Ahrem schloss 2020, dass es sich bei dem Eintrag Haupstraße 54 „meiner Meinung nach nur um die Adresse des Hotels Goldener Pflug handeln“ handeln könne. Dort wohnte sein Vater und von dort kam er von Zeit zu Zeit zu einem Wochenendbesuch nach Elberfeld. Die „Adolf-Hitler-Straße“ genannten Straße habe nach dem Krieg wieder ihre ursprünglichen Bezeichungen (Hauptstraße und Sebastianstraße) erhalten. Die Nummerierungen seien anscheinend ebenfalls geändert worden. Denn heute befindet sich der Bahnhof Bad Neuenahr an der Hauptstraße 54. Außerdem sei die Hauptstraße „wohl in Richtung Heppingen verlängert“ worden, vermutet Ewald Ahrem.[8]

Im Jahr 1948, am Ende seiner Zeit im Dienste der Militärregierung, heiratete Willy Ahrem in Bad Neuenahr Maria Harff, verwitwete Klinger.

Nachdem sein Schwiegervater Wilhelm Fix senior als Mitläufer eingestuft worden war und die Entnazifizierung damit glimpflich überstanden hatte, widmete sich Willy Ahrem ab Anfang 1948 in Elberfeld dem Wiederaufbau des Exportgeschäftes der Familie Ahrem.

Jüdische Familien, die dank Willy Ahrems Hilfe in der Ukraine überlebt hatten, siedelten nach dem Krieg nach Israel über, wo sie sich in den 1960er Jahren die Ehrung ihres Retters einsetzten.

Willy Ahrem fand seine letzte Ruhe 1967 auf dem Friedhof Bad Neuenahr. Das Grabmal erinnert auch an seine Familie – seine erste Frau Elly Fix und die gemeinsamen Töchter Helga, Ingrid und Elke sowie an seine zweite Frau Maria Harff. Von der nächsten Generation ist dort die 1999 verstorbene Ellen Ahrem, Ehefrau von Ewald Wilhelm Ahrem, begraben.[9]

Interview mit Manfred Wolfson

Manfred Wolfson, ein deutsch-amerikanischer Soziologe und Forscher über den Nationalsozialismus, führte in den 1960er Jahren ein Interview mit Willy Ahrem. Darin sagte er u.a.:

  • Vor dem 1. Weltkrieg habe er auf der Schule keinen Antisemitismus erlebt. „Wir hatten jüdische Mitschüler, und in der Zeit, da wir evangelischen Religionsunterricht hatten und die katholischen Schüler von einem Kaplan unterrichtet wurden, sind die Kinder jüdischen Glaubens von einem Rabiner unterrichtet worden. Diese vergiftete Atmosphäre, wie man sie später gehabt hat, existierte zu der Zeit noch nicht.“
  • Zu seiner Zeit in Nemirov sagte er:
Es kam dazu, dass wir sehr viele Juden bei uns beschäftigten, Handwerker. Die Leute wurden immer nervöser und sie erzählten uns, da und da wäre eine sogenannte Aktion durchgeführt worden. Die Menschen wären erschossen worden. Daran wollte ich zuerst nicht glauben, weil es für mich so ungeheuerlich klang. Bis durch Zufall ein Mitglied der Organisation abends auf dem Stützpunkt der Organisation ein Telefongespräch annahm, indem die Aktion für den nächsten Tag angekündigt wurde. Das gab uns die Gelegenheit, eine beschränkte Anzahl von Juden zu verstecken. Am nächsten Morgen in der Dämmerung wachte ich auf. Da war der ganze Ort umstellt und die Menschen wurden zusammengetrieben in einer früheren Kirche, aus der die Kommunisten ein Lagerhaus gemacht hatten. Und wurden von da aus zur Erschießung abtransportiert. Ich bin dann in diese frühere Kirche hineingegangen und habe mich mit dem Einsatzkommando auseinandergesetzt und habe wenigstens die Handwerker und ihre Familien herausholen können. … Nachdem diese sogenannte Aktion beendet war, am Abend, waren mehr als 2000 Menschen erschossen worden. Ich habe acht Tage nicht schlafen können, bin rauchend auf- und abgegangen, derartig hatte mich das ergriffen. Dann war eine zeitlang Ruhe. Bis die zweite Aktion kam. Da war ich aber auch rechtzeitig unterrichtet und habe dann die Familie Menczer und eine Frau aus dem Ort auf meinem Speicher versteckt. Danach konnten die aber nicht mehr frei rumgehen, denn inzwischen hatte man alle in ein Gefangenenlager gebracht, hinter Stacheldraht. Und dann habe ich diese vier Leute und auch den kleinen Jungen, der ist jetzt Arzt in den Vereinigten Staaten; den habe ich im Kofferraum meines Dienstwagens auf die andere Seite gebracht, die von den Rumänen besetzt war, und habe sie durch Beziehungen zu einem rumänischen Hauptmann dort in einem Dorf unterbringen können, wo alles Juden aus der Bukovina, na ja, interniert waren. Sie konnten sich aber frei bewegen.
  • Zu seinen Argumenten in der seiner Auseinandersetzung mit dem Einsatzkommando sagte er an anderer Stelle in dem Interview:
Ich habe den Leuten gesagt, wir sind hier angewiesen auf die jüdischen Handwerker, wir haben selbst nicht genügend Fachleute für unsere Schirrmachermeisterei, also was soll werden, wenn Sie uns die Leute nehmen? Und daraufhin wollte man mir die Handwerker freigeben, aber ohne die Familien. Aber es war vor allem ein Schreiner, der sagte, wenn man meine Familie nicht freigibt, dann will ich auch nicht frei sein. Daraufhin hat man mir auch die Familien freigegeben.
  • Außerdem sagte er:
Ich war mir bewusst, dass ich damit nur sehr wenigen Menschen helfen konnte und dass es ein Tropfen auf einem heißen Stein war. Aber ich habe es als meine Pflicht angesehen, wenigstens in dem mir gezogenen engen Rahmen Menschen zu helfen.
  • Willy Ahrem war häufig geschäftlich unterwegs – im britischen Commonwelth, in Südafrika, Australien, Neuseeland und Kanada. Dazwischen war er immer nur kurze Zeit zuhause, um sich auf seine nächste Reise vorzubereiten. In dem Interview sagte er, einen Konflikt mit den Nazi-Gesetzen und seinen eigenen Anschauungen habe es „eigentlich schon kurz nach der Machtübernahme“ gegeben, als er von Südafrika zurückkam. Weil er gerade aus dem Ausland kam, sei ihm der Umschwung in Deutschland „natürlich umso krasser“ aufgefallen. Zu dieser Zeit habe der Terror begonnen und sich dann immer mehr gesteigert. In der Reichskristallnacht 1938 habe er dann endgültig mit dem Nationalsozialismus gebrochen: „Ich war empört darüber, dass Derartiges von Mitgliedern meines Volkes getan wurde. Ich war nach der sogenannte Reichskristallnacht schon im Zweifel, ob ich ein Angehöriger einer zivilisierten Nation wäre. Nachdem ich das aber gesehen habe, war ich davon überzeugt, dass es sich um ein verbrecherisches System handelte. Ich habe das nicht alleine machen können. Vielmehr habe ich Hilfe bekommen, sogar von Leuten, die Mitglied der Partei waren. ... Nur muss ich eins noch sagen: Von Seiten der Ukrainer haben wir keinerlei Unterstützung bekommen. Unterstützung gab es nur von Deutschen.“
  • Auf die Frage, ob es in seiner Familie unter seinen Freunden welche gegeben habe, die er als Vorbilder betrachtet habe, sagte er: „Ja, meinen Vater und seine Brüder, die alle liberal eingestellt waren. Mein Vater hatte für den Antisemitismus nur Verachtung übrig.“
  • Als wichtigste Art des Widerstandes erschien mir bei den Menschen, die sich noch ein Denkvermögen bewahrt hatten, doch auf diese unmöglichen Zustände und diese fürchterlichen Folgen hinzuweisen, die sich ja letzten Endes für alle daraus ergeben mussten. Und das konnte man natürlich nur Menschen gegenüber, denen man trauen konnte.
  • Als die aus seiner Sicht wichtigste Person im Widerstand nannte Ahrem in dem Interview den Bischof und Kardinal Clemens August Graf von Galen ... Galen habe ihm selbst am nächsten gestanden; „denn bei den anderen, besonders
... weil er nach meiner Erfahrung den größten Einfluss ausgeübt hat. Ich war zu jener Zeit bei einer Dolmetscher-Kompanie in Münster, und obwohl ich evangelisch war, bin ich jeden Sonntag in den Dom gegangen, um den Gahlen zu hören, der ein sehr mutiger Mann war. ... Und ich habe beobachtet, welch großen Einfluss auf die Bevölkerung Westfalens und auch auf die westfälischen Soldaten dieser Graf Gahlen hatte.
  • Zu den Widerstandskämpfern um Claus Schenk Graf von Stauffenberg sagte Ahrem:
Stauffenberg, da kann man immer sagen, die Leute haben recht lange mitgemacht. Und sich erst zu etwas aufgerafft, als sie von ihrem militärischen Standpunkt aus sahen, dass der Krieg verloren gehen würde ...

Stimmen

Ewald Ahrem sagte später einmal über seinen Vater:

Mein Vater, Willy Ahrem, hat Zeit seines Lebens kein Wort darüber verloren, wie er jüdischen Menschen das Leben rettete und auch in den 1950er und 1960er Jahren mit den Überlebenden Kontakt hielt. Erst nach seinem Tode Ende der 1960er Jahre erfuhr ich davon. Da wurden all meine bohrenden, anklagenden Fragen aus den Jahren zuvor beantwortet. Und erst die nach 2007 hergestellten Kontakte mit Überlebenden, also mit Menschen, die von ihm gerettet worden waren, haben mir bewusst gemacht, was er an Risiken für seine Überzeugungen eingegangen ist. Die überwältigende Zuneigung und Liebe, die meiner Tochter Claudia und mir als Nachfahren des Retters während unsers ersten Besuches in Israel entgegengebracht wurden, bleibt für mich ein unvergessliches Erlebnis.

Verwandtschaftliche Beziehungen

Auszeichnungen

  1. Auf Initiative von Lisa Heumann, die den Holocaust dank Willy Ahrems Hilfe überlebte, wurde Willy Ahrem am 15. Juni 1965 in Yad Vashem postum als „Gerechter unter den Völkern" ausgezeichnet. Seine zweite Ehefrau Maria Ahrem nahm die Medaille entgegen.
  2. Die Stadt Wuppertal hat am 19. Oktober 2007 eine Treppe auf dem Gelände der Bergischen Universität Wuppertal nach Willy Ahrem benannt.
  3. Die Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler hat im Herbst 2020 ihren Willen bekundet, in geeigneter Form und an geeigneter Stelle im Stadtgebiet an Willy Ahrem zu erinnern – wahrscheinlich dort, wo Willy Ahrem bis 1946 gemeldet war, der Hauptstraße 54 in Bad Neuenahr.

Siehe auch

Mediografie

Weblink

Wikipedia: Willi Ahrem

Fußnoten

  1. Quelle: Ewald Wilhelm Ahrem per E-Mail vom 12. November 2020
  2. Quelle: Günther Schmitt: Josef Heinen rettete eine jüdische Familie – In Yad Vashem hat er einen Ehrenplatz als „Gerechter unter den Völkern“. Späte Würdigung durch die Kreisstadt, in: General-Anzeiger vom 9. November 2020
  3. nach: Ewald Wilhelm Ahrem: Stille Helfer im Dritten Reich aus dem Kreis Ahrweiler, in: Kreisverwaltung Ahrweiler (Hrsg.): Heimatjahrbuch des Kreises Ahrweiler 2020, 300 Seiten, S. 107-111, S. 108
  4. Quelle: Wikipedia: Willi Ahrem, Version vom 16. November 2019
  5. Quelle: Ewald Wilhelm Ahrem: Stille Helfer im Dritten Reich aus dem Kreis Ahrweiler, in: Kreisverwaltung Ahrweiler (Hrsg.): Heimatjahrbuch des Kreises Ahrweiler 2020, 300 Seiten, S. 107-111, S. 108 f.
  6. Quelle: Willi-Ahrem endlich geehrt! Eine Treppe am Uni-Gelände heißt nun nach dem Wuppertaler Judenretter, ns-gedenkstaetten.de, 13. November 2007
  7. nach: Ewald Wilhelm Ahrem: Stille Helfer im Dritten Reich aus dem Kreis Ahrweiler, in: Kreisverwaltung Ahrweiler (Hrsg.): Heimatjahrbuch des Kreises Ahrweiler 2020, 300 Seiten, S. 107-111, S. 108 f.
  8. Quelle: Ewald Wilhelm Ahrem per E-Mail vom 12. November 2020
  9. Quelle: Ewald Wilhelm Ahrem: Stille Helfer im Dritten Reich aus dem Kreis Ahrweiler, in: Kreisverwaltung Ahrweiler (Hrsg.): Heimatjahrbuch des Kreises Ahrweiler 2020, 300 Seiten, S. 107-111, S. 108 f.