Ahr-Hochwasser vom 13. Juni 1910

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Landunter in der Stadtmitte von Adenau
Alte Ansichtskarte: "Wetterkatastrophe im Ahrtal 13. Juni 1910 - die Opfer der Katastrophe werden auf dem Friedhofe zu Schuld durch Pioniere in einem Gemeinschaftsgrabe bestattet."
Gemälde von Matthias Bertram
Der Straßenzug rund um das damalige Hotel »Halber Mond« in Adenau ist den Fluten des Adenauer Baches ausgesetzt.
Zerstörte Brücke am Bahnhof Mayschoß
Zerstörte Chaussee-Brücke in Altenahr
Auflieger der 1897 erbauten vom Hochwasser zerstörten Hönninger Brücke
Notbrücke bei Altenahr
Hinweis an der Alten Mühle Gillig
Dammbruch bei Dernau
Christophorus.jpg

Das Ahr-Hochwasser vom 13. Juni 1910 ist die größte historisch bezeugte Hochwasserkatastrophe im Ahrtal. Das Tal machte damals in ganz Deutschland Schlagzeilen. Über Neuenahr schrieb etwa der Hamburgische Correspondent vom 13. Juni 1910: „Um zehn Uhr hatte die Ahr vier Meter über Normalhöhe erreicht. Der reißende Strom führte Bäume, Balken, ein Hausdach und Kisten einher, die vom Bahnbau der Doppelgleisbahn in Altenahr herrührten.“ 53 Menschen kamen damals durch die Fluten ums Leben.[1]


Sonstiges

Die meiste Zeit des Jahres zieht die Ahr betulich ihre Schleifen durch das nach ihr benannte Tal. Besucher und selbst Einheimische können sich dann kaum vorstellen, dass das zahme Flüsschen nach einer Schneeschmelze oder einem Wolkenbruch zu einem reißenden Strom werden kann, der Wiesen, Felder und Weingärten überschwemmt, Häuser und Brücken zerstört. Wie etwa beim Hochwasser vom 13. Juni 1910. Oder bei der Flut vom 21. Juli 1804, dem schwersten Ahr-Hochwasser seit den aus dem Jahr 1348 stammenden ersten erhaltenen Aufzeichnungen zu diesem Thema.

Vor dem Wolkenbruch, der am 13. Juni 1910 die Katastrophe auslöste, hatte es bereits wochenlang geregnet, so dass die Böden gesättigt waren, kein Wasser mehr aufnehmen konnten. Deshalb floss der Regen innerhalb kürzester Zeit in die einmündenden Gewässer, vor allem in Nohner und Adenauer Bach, Trier- und Ahbach, und wenig später in die Ahr. Starke Gewitterregen in der Region Adenau - Antweiler - Müsch in der Nacht auf den 13. ließen den Fluss so heftig anschwellen, dass er einen großen Teil des Baumaterials der gerade in Erweiterung befindlichen Ahrtalbahn-Anlagen fortriss. Mehr als 2000 Arbeiter waren zu dieser Zeit nämlich damit beschäftigt, einzelne Abschnitte neu zu terrassieren und die Bahn an der Oberahr zweigleisig auszubauen.

Eine Vielzahl von Arbeitsbrücken war dort über den Fluss gezimmert worden, und entlang der Trasse stapelten sich gewaltige Berge von Bohlen, Balken und Brettern, mit denen die neuen Tunnels verschalt werden sollten. Das waren die Hauptgründe dafür, dass die Überschwemmung zur Katastrophe wurde.

Denn die Flut riss Bauhölzer, Gerüste und sogar Maschinen und eine Lokomotive mit sich. Zusammen mit Geröll, Bäumen und Hausrat verhakte und verkeilte sich das Baumaterial vor den Brücken. Das bremste den Abfluss des Wassers und erhöhte den Staudruck auf die Brücken. Und so brachen die Ahrbrücken in Insul, Schuld, Fuchshofen, Antweiler, die Trierbach-Brücke in Müsch, die Provinzialstraßenbrücke am Laufenbacher Hof, die Brücke nach Liers, die von Hönningen, die Brücke zwischen Altenahr und die Brücken in Kreuzberg, Mayschoß, Dernau, Marienthal, Walporzheim, Bachem und Heimersheim und wurden mitgerissen. Das löste unterhalb zusätzlich meterhohe Flutwellen aus.

Die Schadensmeldungen sollten später Bände füllen. An mehreren Stellen wurden Bahndämme beschädigt, unterspült und fortgerissen. Ganze Hänge rutschten ab. Und 53 Menschen ertranken. In Müsch, Antweiler und Schuld wurden Bahnarbeiter von den Fluten überrascht und kamen in den Fluten um. Die meisten von ihnen waren Deutsche, viele aus dem Ruhrgebiet, aber es waren auch Italiener und Kroaten darunter, die sich in einer Kantine unterhalb von Müsch aufgehalten hatten. Eine Zeitungsmeldung von damals unterstellt zynisch: „Viele der Ertrunkenen haben ihren Tod selbst verschuldet, indem sie den Warnungen nicht Folge leisteten, sondern sich in den Kantinen über die Getränke hermachten, als die Wirte schon längst geflohen waren.“

Entlang der Hauptstraße in Adenau, die einem Strom glich, standen zahlreiche Häuser unter Wasser. Anschwemmendes Holz beschädigte Fachwerkhäuser, die daraufhin einzustürzen drohten. Das Wasser des Adenauer Baches riss Kisten voller Tuch, Getreide, Baumaterialien und Einrichtungsgegenstände aus den Warenlagern der Adenauer Geschäfte und sogar Hausdächer mit sich und spülte sie in Dümpelfeld die Ahr.

Durch den Straßentunnel in Altenahr strömte das Wasser zwei Meter hoch. Im Kurhotel in Bad Neuenahr stand das Wasser ebenfalls 1,60 Meter hoch. Die Straßen von Bad Neuenahr standen unter Wasser, die Parkanlagen wurden verwüstet. Bei Bodendorf und Sinzig, wie die Ahr normalerweise 15 bis 20 Meter breit ist, erreichte sie eine Breite von bis zu 200 Metern. In Sinzig wurde das Elektrizitäts- und Wasserwerk überflutet, die Stromversorgung brach zusammen.

Ihre größte Wucht entfaltete die Flut zwischen 3 Uhr morgens bis 10.30 Uhr in dem 39 Flusskilometer langen Abschnitt zwischen Müsch und Bad Neuenahr. Fachleute errechneten später, dass die Flut ein Volumen von 33 Millionen Kubikmetern Wasser in den Rhein spülte.

Ein Zeuge berichtete später:

Ein entsetzlicher Geruch verbreitet sich aus dem Wasser durch das Carbid, das zur Beleuchtung gebraucht wurde und nun unter Wasser geraten ist. In den Straßen lagen Betten, Möbel, Kleider, Hausrat wirr durcheinander.

Unmittelbar nach der Katastrophe warten die Behörden vor Diebstählen gewarnt, vor allem von Bauholz. Zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung forderten sie zusätzliche Polizeikräfte aus der Umgebung und Soldaten an. Aus Koblenz kamen Pioniere der 68. Kompanie. Die bauten Notstege und packten bei den Aufräumungsarbeiten mit an. Zeitweilig fürchtete man Ausschreitungen von Seiten der ausländischen Bahnarbeiter. Die aber traten nicht ein.

Zwei Tage nach der Flut wurden die meisten Todesopfer in Massengräbern in Antweiler und Schuld beigesetzt. Zehn von ihnen hatte man nicht identifizieren können.

Hilfsbereite Menschen riefen in Gedichtform dazu auf, für die Opfer dieses Hochwassers zu spenden. Raoul Albertz aus Köln etwa schrieb:

Fragt nicht, wie es gekommen war
Es war der Schreckenstag der Ahr.
Die Ernte vernichtet, entblößt das Feld
Vom fruchtbaren Boden und nirgends Geld.
Die Straßen verwüstet, im Schlamm das Grab.
So blickst du auf die Ahr hinab.
Und Trauer herrschet, bitt’re Not.
Die Hilfe wird hier zum Gebot!

Weitere Bilder

Weinbau und Weinbaubrücke in Dernau anmittelbar nach dem Hochwasser und im Jahr 2021

Die Hauptstraße von Adenau beim Hochwasser 1910 und 2021

Siehe auch

Mediografie

Fußnoten