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Stolpersteine Bad Neuenahr-Ahrweiler

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Am 19. April 2012 wurden in Bad Neuenahr-Ahrweiler die ersten Stolpersteine zur Erinnerung an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus verlegt. Der Stadtrat Bad Neuenahr-Ahrweiler hatte im Jahr 2010 beschlossen, dass sich die Kreisstadt dem Projekt des Künstlers Gunter Demnig anschließt. Bei den Stolpersteinen handelt es sich um zehn mal zehn Zentimeter große Betonsteine, auf deren Oberfläche sich eine individuell beschriftete Messingplatte befindet. Die Pflastersteine wurden jeweils vor dem letzten freiwillig gewählten Wohnort des Opfers mit der Aufschrift „Hier wohnte ...“ in das Gehwegpflaster eingelassen.


Titelblatt des Flyers zum Themenjahr "Stolpersteine" im Rahmen der Reihe Rathaus-Kultur Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Ansprechpartner

Eine Patenschaft für einen Stolperstein kostet 120 Euro. Interessierte melden sich bei der Rathaus-Kultur Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Chronik

2012

Im Sommer 2010 sprach sich der Stadtrat Bad Neuenahr-Ahrweiler für eine Teilnahme an dem Projekt aus. 2012 hatte die Kreisstadt zum Themenjahr „Stolpersteine“ ausgerufen. Im Rahmen der Rathaus-Kultur Bad Neuenahr-Ahrweiler wurde zu zahlreichen Veranstaltungen eingeladen. Bis zum 13. August 2012 war im Rathaus Bad Neuenahr-Ahrweiler die Ausstellung „Entrechtet – Deportiert – Ermordet“ zu sehen. Ebenso wie die Stolpersteine sollte sie daran erinnern, dass 70 Jahre zuvor für viele jüdischen Bewohner auch in Bad Neuenahr ein Leidensweg begann.

„Die Stolpersteine sollen in erster Linie an die ermordeten Menschen erinnern, aber natürlich auch daran, dass ein totalitäres System wie der Nationalsozialismus auf Menschenverachtung, Gewalt und Terror aufbaut und daher nie wieder zugelassen werden darf“, schrieb Bürgermeister Guido Orthen in einer Mitteilung an die Presse. Das Verlegen der Stolpersteine werde von einem Themenjahr mit dem Motto „Stolpersteine“ der Reihe Rathaus-Kultur Bad Neuenahr-Ahrweiler und von zahlreichen Veranstaltungen flankiert. Das Themenjahr werde sich auch verschiedenen Aspekten des Themas „Verfolgung“ widmen. Im Zentrum werde neben der Stolperstein-Verlegung eine Ausstellung stehen, die die Schicksale der Ermordeten zu rekonstruieren versucht.[1]

Zusammen mit dem Bürgerverein Synagoge Bad Neuenahr-Ahrweiler e.V. und dem Stadtarchiv Bad Neuenahr-Ahrweiler und Mithilfe des Kreisarchivs Ahrweiler recherchierte die Stadtverwaltung Bad Neuenahr-Ahrweiler das Leben der Einwohner, die zwischen 1933 und 1945 deportiert und dann in Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet wurden.

Aus Bad Neuenahr-Ahrweiler wurden im Jahr 1942 mehr als 60 Menschen deportiert und ermordet - darunter Alte und Kinder, vormals vermögende Hotelbesitzer ebenso wie arme Händler. Häufig traf es ganze Familien, beispielsweise die Familie Ermann aus Ahrweiler: Seit Mitte der 20er-Jahre besaß sie in der Straße Auf der Rausch ein Haus, in dem Vater Alfred Ermann eine Viehhandlung betrieb. 1941 wurde er von der Ortspolizeibehörde aufgefordert, sein Haus zu räumen, um es einer „arischen“ Familie zu überlassen. Zusammen mit seiner Frau Julia und den Töchtern Hilde und Ruth musste er in das Haus der jüdischen Familie Gärtner in der Plätzerstraße umziehen. Von dort wurden alle vier Familienmitglieder im April 1942 deportiert. Alfred, Julia und Hilde Ermann wurden im Vernichtungslager Sobibor ermordet. Die zum Zeitpunkt der Deportation erst 14-jährige Ruth starb später im Getto Theresienstadt.

Die Familie Levy, die in Ahrweiler über viele Jahre eine Metzgerei betrieb, wurde fast völlig ausgelöscht – die Eltern ebenso wie vier ihrer sechs erwachsenen Kinder. In Bad Neuenahr musste Gustav Borg sein Hotel „Stadt London“ in der Poststraße als Sammellager für Juden zur Verfügung stellen. Im April 1942 wurde er selbst aus seinem Hotel vertrieben, deportiert und ermordet. Gustav Borgs Ehefrau Else, seine Mutter Henriette, seine Tochter Ruth sowie seine Schwester Else mit deren Mann und dem zwölfjährigen Sohn Armin ereilte das gleiche Schicksal.

Die ersten Stolpersteine der Kreisstadt wurden am Donnerstag, 19. April, ab 12 Uhr in der Poststraße in Bad Neuenahr ins Pflaster gesetzt - unter großer Anteilnahme von Bürgern, von denen etliche für diese Aktion eine Patenschaft übernommen haben, sowie zahlreicher Schüler aus den umliegenden Schulen. Schülerinnen und Schüler verlasen an den Stationen die Namen derer, an die die Inschriften zu Füßen der Passanten fortan erinnern sollen. Das Gedenken sei wichtig, betonte Bürgermeister Guido Orthen, denn der Holocaust sei nicht irgendwo in Deutschland passiert – „er hat hier stattgefunden.“ Landrat Dr. Jürgen Pföhler mahnte ebenfalls: „Es ist wichtig, dass wir, die Jüngeren, ein Zeichen setzen und zeigen, wie wir zu unserer Vergangenheit stehen.“[2]

Künstler Gunter Demnig verlegte an acht verschiedenen Stellen der Kreisstadt insgesamt 30 Stolpersteine - in folgender Reihenfolge: Poststraße Mitte, Jesuitenstraße (Bad Neuenahr), Kreuzstraße (Bad Neuenahr), Lindenstraße (Bad Neuenahr), Poststraße (Bad Neuenahr), Telegrafenstraße (Bad Neuenahr) und Georg-Kreuzberg-Straße (Bad Neuenahr).[3] Jeder der zehn mal zehn Zentimeter großen Pflastersteine ist mit einer Messingplatte mit Inschrift überzogen und liegt nun jeweils vor dem Haus, in dem der mit Geburts- und Todes- beziehungsweise Deportationsdatum Genannte seinen letzten frei gewählten Wohnort hatte. Geplant war das Verlegen von insgesamt etwa 60 Steinen.

Unter den Teilnehmern der Veranstaltung waren auch Angehörige von Holocaust-Opfern aus Belgien, Israel und den USA. Eine von ihnen: die 91-jährige Hilde Vos-Reiter, die über den Atlantik nach Bad Neuenahr gekommen war. Zehn Mitglieder der Familie ihres Vaters, die einst in der Kurstadt lebten, wurden von den Nazis deportiert und ermordet. Der General-Anzeiger berichtete am 20. April von der Veranstaltung:

Nachfahren der Familien Vos, Elkan und Friesem nahmen teil. Erich Elkan (92) aus Brüssel zum Beispiel betrat mit Tochter und Schwiegersohn das Haus seiner Familie an der Kreuzstraße, in dem heute Schulrektor Hubert Rieck wohnt, nach 70 Jahren zum ersten Mal. Seine Tochter hat seine fünf Jahre im KZ im Buch „Prisonnier 160008“ dokumentiert. Viele Bürger wünschen sich nun, dass es ins Deutsche übersetzt wird.

2013

Der Kölner Künstler und Projektinitiator Gunter Demnig verlegte im April in Bad Neuenahr und Heimersheim weitere zwölf Stolpersteine zum Gedenken an jüdische Bewohner, die Opfer des Nationalsozialismus wurden. Im Fokus standen im Stadtteil Bad Neuenahr die jüdischen Familien Salomon und Gottschalk sowie im Stadtteil Heimersheim die Familien Borg und Kahn:

  • Alexander und Bertha Salomon führten eine Metzgerei in der Wendelstraße. Ab 1933 durften sie ihr Geschäft nicht mehr weiterführen, da Alexander Salomon wegen „Verbreitung von Greuelmärchen“ zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde. Gemeinsam mit Bruder Friedrich Salomon wurde das Ehepaar 1942 deportiert.
  • In der Kreuzstraße lebten die Schwestern Frieda, Berta und Henriette Gottschalk. Ihre Eltern führten dort bis Ende der 1920er-Jahre einen Altwarenhandel. Nach dem Tod des Vaters lebten Mutter und Töchter von der Zimmervermietung. Als jedoch auch die Mutter starb, versuchten die Schwestern, sich mit Näharbeiten über Wasser zu halten. Sie wurden 1942 nach Krasnicyn deportiert.
  • Die Borgs waren eine alteingesessene jüdische Familie in Heimersheim. In der Bachstraße betrieben Leopold Borg und seine Frau Gertruda eine Metzgerei. Während zwei Töchtern die Flucht ins Ausland gelang, blieb das Ehepaar Borg mit der Tochter Bertha in Heimersheim zurück. Bertha Borg wurde in Auschwitz ermordet. Leopold Borg starb im Vernichtungslager Treblinka. Gertruda Borg war bereits in Königsfeld verstorben, wo zahlreiche Juden im Sommer 1942 in Notunterkünften auf den Weitertransport Richtung Osten warten mussten.
  • Ebenfalls in der Bachstraße lebten Salomon und Klara Kahn mit ihren drei Kindern Hugo, Bella und Ilse. Hugo und Bella wanderten noch vor 1938 mithilfe von Verwandten in die USA aus, konnten aber ihre Eltern nicht überzeugen mitzukommen. 1942 wurde das Ehepaar Salomon gemeinsam mit seiner erst 18-jährigen Tochter Ilse deportiert.[4]

"Die Stolpersteine können nur stellvertretend stehen für die Erinnerung an fast 400 Juden, die vor 1933 noch im Kreisgebiet gelebt haben sollen und von denen rund 150 in Vernichtungslager abtransportiert wurden", sagte Landrat Dr. Jürgen Pföhler bei der Verlegung von Stolpersteinen im April 2013 in Bad Neuenahr und Heimersheim.[5]

2014

Weitere Stopersteine wurden im November 2014 in Ahrweiler verlegt. Zugleich mit den Stolpersteinen für die im Zuge der Deportationen zu Tode gekommenen jüdischen Familien wurden erstmals zugleich auch Platzhaltersteine für überlebende Angehörige verlegt. Diese können in Absprache mit den noch lebenden Familienangehörigen später mit Namen versehen werden. Ziel sei es, so Gunter Demnig, den Opfern nicht nur ihre Identität zurückzugeben, sondern auch die Familien wieder zusammenzuführen. Am Mittwoch, 12. November 2014, legte Gunter Demnig 20 weitere kleine Mahnmale aus Messing vor die Haustüren von durch Nazis deportierten ehemaligen jüdischen Einwohnern. Die Aktion im Stadtteil Ahrweiler begann um 9.30 Uhr mit einem Empfang von Bürgermeister Guido Orthen in der ehemaligen Synagoge Ahrweiler. Um 10 Uhr verlegte Demnig vor dem Haus Oberhutstraße 31 zwei Stolpersteine für die jüdische Familie Recha und Wilhelm Levy. Schüler der Aloisius-Grundschule Ahrweiler, der Berufsbildenden Schule des Landkreises Ahrweiler und des Privaten Gymnasiums der Ursulinen Calvarienberg Ahrweiler verlasen die Namen der betroffenen Familienangehörigen und legten weiße Rosen nieder. Danach wurde an den Adressen Plätzerstraße 43 und 40 an Mutter und Tochter Gärtner sowie die Familie Isidor Levy erinnert. Letzte Station war gegen 11.20 Uhr das Haus am Kanonenwall 46. Dort wurden insgesamt zehn Stolpersteine für die Familie Alexander und Regina Gottschalk eingesetzt. Für die Verlegung hatten sich wieder zahlreiche Bürger aus dem Stadtgebiet und darüber hinaus für die Übernahme einer Patenschaft gemeldet, so dass die Finanzierung aller Steine für Ahrweiler bereits Anfang des Jahres 2014 gesichert war. Die Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler gab anlässlich der Verlegung der Stolpersteine eine Broschüre über die Schicksale der Opfer heraus.[6]

2015

In Ahrweiler erinnern seit dem Frühjahr 2015 zehn weitere Stolpersteine an jüdische Einwohner, die in Zeiten der Nazi-Herrschaft ermordet wurden. Diese Nachverlegung fand ausnahmsweise nicht im Beisein von Gunter Demnig statt. Der Künstler hatte bei der öffentlichen Aktion am 12. November 2014 nicht alle 30 für Ahrweiler geplanten Steine einsetzen können. Stattdessen erlaubte Demnig der Stadt, die verbliebenen Gedenktafeln aus Messing selbst anzubringen. Die im Frühjahr verlegten Stolpersteine erinnern an:

Bilder

Video

Siehe auch

Mediografie

Weblinks

Fußnoten

  1. Quelle: Rhein-Zeitung vom 7. Juni 2011
  2. Frieder Bluhm: Namen in Messing erinnern an Naziopfer, rhein-zeitung.de vom 19. April 2012
  3. Quelle: General-Anzeiger vom 10. April 2012
  4. Quelle: Rhein-Zeitung vom 10. Dezember 2012
  5. Quelle: Beate Au: Bad Neuenahr: Stolpersteine erinnern an jüdische Opfer des Naziterrors, rhein-zeitung.de vom 11. April 2013
  6. Quellen: Weitere Stolpersteine in Ahrweiler - Erstmals Platzhaltersteine für überlebende Angehörige, general-anzeiger-bonn.de vom 4. November 2014, und Marion Monreal: Stolperstein-Verlegung: Angehörige der Opfer reisen aus Australien und Südafrika an, general-anzeiger-bonn.de vom 13. November 2014
  7. Quelle: Gedenken in Ahrweiler: Die letzten Stolpersteine sind verlegt, general-anzeiger-bonn.de vom 7. März 2015